Friedrich Ani: Süden und das heimliche Leben

knvmmdb-120.dllIn den Krimiregalen ist der Drang zum Voluminösen, zum epischen Geplapper unübersehbar. Wie sich Essentielles aber auch auf 200 Seiten erzählen lässt, zeigt der 1959 geborene Münchner Autor Friedrich Ani in seinem aktuellen Roman „Süden und das heimliche Leben“.

Tabor Süden, der Mann mit dem sonnigen Namen und dem herbstlichen Gemüt, ist ein stiller Grübler und einer, der nur allzu oft an der Welt verzweifelt. Jahrelang arbeitete er auf der Vermisstenstelle der Münchner Kriminalpolizei. Er war ein guter Ermittler, der viele Verschwundene aufspürte, weil er stets versuchte, sich in sie hineinzuversetzen. Als sich sein depressiver Freund und Kollege Martin Heuer erschoss, quittierte er den Dienst, und der bereits vielfach ausgezeichnete Autor Friedrich Ani, der auch Gedichte, Jugend- und Drehbücher schreibt, wandte sich nach 14 Süden-Romanen anderen Themen und anderen Figuren zu. Voriges Jahr aber kehrte er zu Süden zurück und startete eine neue Roman- Reihe mit kleinen, einfachen, aber hoch konzentrierten Geschichten um seinen in die Jahre gekommenen, maulfaulen Ermittler.

Sie lehnte am Türrahmen und wartete, dass der Detektiv etwas sagte. Sie wusste immer noch nicht, was sie von ihm halten sollte. Er stellte Fragen, sie gab Antworten, und diese verhallten in seinem Schweigen. Gleichzeitig schien er ununterbrochen nachzudenken und die Dinge um sich herum nur am Rande wahrzunehmen. Im Biergarten hatte sie zuerst geglaubt, er sei betrunken und deshalb wortkarg. Inzwischen überlegte sie, ob er nicht besser etwas trinken sollte, um gesprächiger zu werden.

Mittlerweile arbeitet Süden bei einer Münchner Detektei und kümmert sich dort ausschließlich um die Vermisstenfälle. Diesmal engagieren ihn ein Wirtspaar und dessen Stammgäste. Die langjährige Bedienung Ilka Senner ist verschwunden. Sie war ein Naturtalent in ihrem Job und sollte die Kneipe nach dem Rückzug der Wirtsleute übernehmen. Süden versucht, sich ein Bild von Ilka Senner zu machen, doch schon bald stellt sich heraus, dass jeder, mit dem er sich unterhält, nur einzelne Facetten von ihr wahrgenommen hat.

Der Wirt Dieter Nickl, den jeder Dieda nannte, sagte: „Ich geh jetzt schiffen und dann wird Klartext geredet, habt’s mich?“ Süden zog seinen Spiralblock und den Kugelschreiber aus der Tasche. Klartext, dachte er, den wollte er notieren, zumal der Mann ihn angekündigt hatte, der am Sonntagvormittag gegen elf Uhr bei seinem vierten Weißbier angelangt war und gegen dessen bisheriges Aussagekonglomerat die babylonische Sprachverwirrung von Hemingwayscher Klarheit gewesen sein musste.

Süden ist ein genauer Beobachter mit einem feinen Sensorium für Wunden, die das Leben schlägt. Seine Methoden sind unkonventionell. Angehörige und Bekannte bringt er in der Regel durch sein Schweigen zum Reden. Und um sich ein besseres Bild von Ilka Senner machen zu können, schließt er sich diesmal einige Stunden in deren leere Wohnung ein. Allmählich kommt er hinter ihr Geheimnis, das sie von Kindesbeinen an einengte und klein hielt und das sie doch um jeden Preis wahren möchte. Und deshalb findet Süden sie schließlich auch. „Er schaute sie an und sah einen Schatten ohne Jugend“, heißt es da. Sie selbst empfindet sich, als eine „durch und durch lautlose Person„.

In früheren Romanen schlug sich Südens Schwermut gerne mal auf die Stimmung des ganzen Buches nieder. Das ist hier anders. Anis Ton ist leichter, die Distanz zu seinem Protagonisten größer geworden. Sein gelegentlich galliger Humor drückt öfter als bisher durch. Das tut der Geschichte gut, zumal Ani ein Meister der Zwischentöne und der poetischen Präzisierung alltäglicher Dramen ist. Dabei interessieren ihn immer auch die gesellschaftlichen Bedingungen, die Umstände, die zum Verschwinden einer Person beitrugen. Und diese Umstände sind bei Ani nie zufällig, sind stets bedingt durch Zwänge, durch Traumata. Süden ist dafür der perfekte Detektiv, weil er selbst ein Verwundeter ist, einer der kämpfen muss, um an der Oberfläche zu bleiben. In seinem aktuellen Roman erzählt Friedrich Ani so klar und humorvoll sacht federnd, so intensiv, wie kunstvoll unspektakulär vom Leben, dass ihm damit einer der besten deutschsprachigen Kriminalromane des Jahres gelungen ist.

Friedrich Ani: Süden und das heimliche Leben. Knaur-Verlag 203 Seiten 8,99 Euro

(c) Frank Rumpel

SWR 2

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