Mike Nicol: Killer Country

knvmmdb-123.dllManchmal frage er sich ja, wie es wohl wäre, ein schwedischer Kriminalschriftsteller zu sein, sagte der im südafrikanischen Kapstadt lebende Mike Nicol einmal etwas flapsig. Schließlich müsse sich in Südafrika der literarische Mord stets mit einer ziemlich ruppigen Realität messen. In Mike Nicols aktuellem Roman „Killer Country“ – der übrigens nach der Countryrock-Sammlung eines im Roman vorkommenden Killers benannt ist – formuliert das ein deutscher Waffenhändler, der kurz darauf tatsächlich in Kapstadt von eben jenem Killer erschossen wird, im Gespräch mit einem der Protagonisten so:

„Wenn ich in deinem Land umgebracht werde, gehöre ich nur zu eurer Verbrechensstatistik. Ein Zufall. Ein bedauerlicher Zufall. Das ist ausgesprochen praktisch, um die wahren Motive zu verschleiern. Wenn man jemanden umbringen will, dann am besten in Südafrika. Peng. So was gehört dort zum Hintergrundgeräusch.“

Nun besteht der südafrikanische Alltag freilich nicht nur aus Mord und Totschlag. Sich darauf zu fokussieren, wie es etwa Nicols Kollege Roger Smith mit seinen überdreht blutigen Thrillern tut, die ganz auf diesen vermeintlichen Realitätsfaktor setzen, ist Mike Nicols Sache nicht. Ihn interessieren andere Themen und so erzählt er nach „Payback“, dem ersten Band der so genannten Rache-Trilogie, auch im nun auf Deutsch vorliegenden zweiten Teil der Reihe vielschichtig und intelligent vom modernen Südafrika.
Im Zentrum von Mike Nicols Trilogie stehen der Weiße Mace Bishop und sein schwarzer Geschäftspartner Pylon Buso. Schon zu Apartheidszeiten verdienten sie ihr Geld als Waffenhändler für den im Untergrund tätigen ANC und kämpften auf Seiten der Guerilla-Truppen gegen das Regime. Das damals verdiente Geld parkten sie auf den Cayman-Inseln. Längst sind sie in einer Art bürgerlichen Existenz angekommen, sind verheiratet, haben jeweils eine Tochter und betreiben zusammen eine Security-Firma für betuchte Ausländer. Ganz überzeugt sind sie von ihrem Job allerdings nicht.

„Überleg doch mal“, sagt da Mace zu Pylon. „Unser ganzes Leben lang haben wir mit Waffen gehandelt, wurden beschossen, haben zurückgeschossen. Dann ist der Krieg zu Ende. Und was machen wir? Wir suchen uns eine Nische, wo wir wieder schießen können. Das ergibt doch keinen Sinn.“

Deswegen wollen sie in ein Golfressort investieren, über das sie auch ihr auf den Caymans gebunkertes Geld waschen könnten. Allerdings werden alle weiteren Investoren, die sie dafür in Aussicht hatten, von einem in der ehemaligen DDR ausgebildeten Killer namens Spitz erschossen. Bezahlt hat den effektiv arbeitenden Profi der ehemalige Politiker Oben Chocho, der zwar wegen Betrugs im Gefängnis sitzt, aber selbst von dort aus weiter seinen Geschäften nachgeht. Er ist an demselben Grundstücksdeal interessiert und entschlossen, das Geschäft auf seine Art in die richtigen Bahnen zu lenken.
Dabei hilft ihm seine Anwältin Sheemina February, die mit Mace Bishop und Pylon Buso noch eine Rechnung offen hat. Denn während des Befreiungskrieges wollte sie sich, damals gerade 19 Jahre alt, den Guerillas anschließen. Mace und Pylon hielten sie für eine Spionin, zertrümmerten ihr die linke Hand und überließen sie dann den Kommandeuren.
Das hört sich zunächst nach einer einfach gestrickten Thrillergeschichte an. Genau das aber ist „Killer Country“ ebenso wenig wie der Vorgängerband „Payback“.
Der 1951 in Kapstadt geborene Mike Nicol, der sich in seiner Heimat zunächst als Lyriker einen Namen machte, Romane und Sachbücher – darunter etwa ein Portrait Nelson Mandelas und John Lennons – schrieb und 2002 als Poet in Residence an der Uni Essen war, erzählt seine Geschichte dialogstark und lakonisch in mehreren Strängen. Diese Stränge sind so eng, wie elegant miteinander verwoben. Zwar liegt die eigentliche Geschichte scheinbar offen da, doch sind die Plots verschachtelt und Nicols Figuren alles andere als eindeutig und berechenbar.
Seine Protagonisten Mace und Pylon zeichnet er als coole, etwas machohafte, aber smarte Zeitgenossen.

„Wer ist dieser Spitz“, wollte der Wachmann von der Rückbank wissen.
„Country-’n‘-Western-Killer“, antwortete Mace.
Pylon brauste die enge Auffahrt zur Jutland hinauf. Sagte: „Wahrscheinlich soll er uns umbringen.“
„Jemand will euch umbringen?“, fragte der Wachmann.
Mace entgegnete: „Wir führen ein aufregendes Leben.“
Pylon donnerte mit dem Mercedes die Straße bis zur Mill vor, wo er bei Gelb über die Kreuzung fuhr und mit quietschenden Reifen in die Hope Street einbog. Kurvte bis zur schmalen Glynville Street und hielt dort an.
„Es ist deprimierend“, stellte Pylon fest. „Wenn man von jemandem umgebracht werden soll. Noch dazu an einem so grauen, nassen Tag wie heute.“

Beide haben sie einiges auf dem Kerbholz und schrecken noch immer vor Gewalt nicht zurück. Aber Nicol bettet sie in Alltag. Mace und Pylon können nicht alles stehen und liegen lassen, um sich einer Sache zu widmen. Sie müssen sich um ihren Job und ihre Familien kümmern, und beides ist bei Nicol nicht nur Ornament, sondern wichtiger Teil der Geschichte. Ihre Gegenspielerin, die Anwältin, ist eine starke Frauenfigur, beherrscht und distanziert, nur ihrer eigenen, recht psychotischen Agenda verpflichtet. Sie will sich an Mace Bishop rächen, der sie seinerzeit beim Verhör im Guerilla-Lager folterte. Sie ist es, die im Hintergrund die Fäden zieht, den Killer engagiert und die Geschäfte ihres Klienten so gestaltet, dass die vor allem ihr selbst nützen.
Und Mike Nicol hat auch Humor – freilich von der eher robusten Sorte. Er erzählt abgebrüht und pointiert, hat in der deutschen Übersetzung aber nicht ganz den Schwung des Originals. Dennoch gibt es reichlich Szenen wie diese, in der Mace und Pylon bei einem Blaubeermuffin über den Mord an einem Richter diskutieren, der Vorsitzender einer Kommission zur Untersuchung des Waffenhandels war.

„Unser Problem mit Blaubeeren ist“, erklärte Pylon, „dass sie so gut aussehen. Sie schmecken auch lecker. Aber danach fragt man sich, was dieser metallische Geschmack im Mund soll.“
„Trotzdem isst du sie immer wieder.“
„Das ist das andere Problem.“
Sie schwiegen, während sie aßen. Jeder hatte ein halbes Muffin verdrückt, ehe Mace fragte: „Was meinst du, was mit dem Richter passiert ist?“
„Unterstützter Selbstmord.“
„Unterstützt durch eine Pistole an der Schläfe?“
„So in etwa.“
„Warum?“
„Könnte mit dem Waffenhandel zu tun haben. Da ging es um mächtige Leute.“
„Du hast recht mit den Blaubeeren“, sagte Mace. „Schmeckt, als ob ich Patronen gelutscht hätte.“

Mike Nicol zeichnet auch in „Killer Country“ mit einer vitalen, vielstimmigen Geschichte das Bild eines Landes, in dem der Rassismus noch immer alltäglich ist und in dem Teile der politischen Eliten, die einst für den Wandel kämpften, längst selbst korrupt und damit Teil des Problems geworden sind. Wie in den Krimis seiner südafrikanischen Kollegen geht es auch in Nicols Romanen ziemlich brutal zu. Aber Nicol ist nicht auf den Effekt aus, sondern spürt den gesellschaftlichen Gegebenheiten nach. Und diese Gesellschaft scheint sich mit der Gewalt und den Verbrechen fast schon arrangiert, sie als Teil des normalen Lebens angenommen zu haben. Mike Nicols aktuelle Romane gehören zweifellos zum Besten, was es momentan in Sachen Kriminalliteratur aus Südafrika zu entdecken gibt.

Mike Nicol: Killer Country. Aus dem Englischen von Mechthild Barth. Btb-Verlag, 509 Seiten, 14,99 Euro.

(c) Frank Rumpel

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