Elizabeth George: Glaube der Lüge

knvmmdb-11.dllDie einfachen Geschichten waren Elizabeth Georges Sache noch nie. Das ist in ihrem neuen, dem 17. Roman um den Scotland-Yard-Inspector Thomas Lynley und dessen Kollegin Barbara Havers nicht anders. Auf 700 Seiten breitet Elizabeth George in „Glaube der Lüge“ eine verwickelte Geschichte mit gut verborgenem Kern und großem Figurenpark aus. Als Schauplatz hat sich die Autorin, die für jedes ihrer Bücher zwei bis drei Wochen inGroßbritannien recherchiert, diesmal den an der nordenglischen Westküste gelegenen Cumbria Lake District gewählt.

Lynley fuhr im Schatten von steinalten Eichen über den Weg, der sich zum Windermere-See hinunterwand, und hielt schließlich vor einem eindrucksvollen, von grauen Flechten überzogenen steinernen Gebäude mit zahlreichen Giebeln und einem mächtigen Wehrturm. Die Westseite des Hauses lag zum See hin. Das Gelände war in Terrassen angelegt. Weit entfernt im Nordosten ragte eine Halbinsel in den See. Etwas näher lag die winzige, von ein paar Eschen bewachsene Insel Grass Holme, die im Wasser zu treiben schien, und weiter draußen stach die Insel Grubbins Point wie ein Fingerknöchel aus dem Wasser.

Dort im Seengebiet kommt Ian Cresswell, Mitglied einer einflussreichen Industriellenfamilie, zu Tode. Er hätte die Firma einmal übernehmen sollen, stürzt aber beim Vertäuen seines Ruderboots ins Wasser, schlägt sich den Kopf an und ertrinkt. Während Polizei und Gerichtsmedizin von einem Unfall ausgehen, bittet Bernard Fairclough, Stiefvater des Toten und Chef des Unternehmens, seinen Bekannten, den Scotland Yard-Chef David Hillier, um Hilfe. Der soll überprüfen, ob sein lange Jahre drogenabhängiger Sohn Nicolas etwas mit Ians Tod zu tun hat. Hillier schickt seinen Inspector Thomas Lynley nach Cumbria, um dort Undercover zu ermitteln.

Lynley verstand die Welt nicht mehr, denn falls sich herausstellen sollte, dass Nicolas ein Mörder war, sollte er anscheinend überhaupt nichts unternehmen. Er sollte Nicolas seinem Vater überlassen oder vielleicht auch dem lieben Gott. Mit dieser Art von Ermittlungen wollte Lynley nichts zu tun haben. Aber es handelte sich nicht um einen Gefallen, um den Hillier ihn bat, sondern um eine dienstliche Anweisung.

Lynley hört sich zusammen mit seinem Freund, dem Gerichtsmediziner Simon St. James und dessen Frau Deborah in Cumbria um und stellt bald fest, dass zwar einige in der Familie etwas gegen Ian hatten, aber wohl keiner zu einem Mord fähig wäre. So kommen auch Lynley und St. James zu dem Schluss, dass es sich bei Ian Cresswells Tod um einen Unfall handelte.

Während Lynley ermittelt, fächert die 1949 im nordamerikanischen Ohio geborene und auf einer Insel nördlich von Seattle lebende Autorin, deren Romane allesamt in England spielen, die Familiengeschichte der Faircloughs auf. Bernard Fairclough stammt aus armen Verhältnissen und hat in eine Familie eingeheiratet, die mit der Produktion von Toilettenschüsseln zu Geld kam. Er führt, das stellt sich im Lauf der Geschichte heraus, ein Doppelleben. Sein Schwiegersohn Ian, der da tot im Bootshaus lag, hatte seine Frau verlassen und war mit seinem Lebensgefährten zusammen gezogen. Die beiden Kinder wohnten bei ihm, weil die Mutter nichts mehr von ihnen wissen wollte. Der 14-jährige Tim ist seit der Trennung seiner Eltern stark verhaltensauffällig und gerät in ernsthafte Schwierigkeiten. Faircloughs Sohn Nicolas hat seine Drogensucht überwunden, eine schöne Argentinierin geheiratet, arbeitet nun in der Firma seines Vaters und betreut nebenher ein Projekt für ehemals drogenabhängige Jugendliche. Die beiden wünschen sich ein Kind, können aber keines bekommen.

Und es gibt noch eine ganze Menge weiterer Figuren und Geschichten, die hier eine Rolle spielen. Was da also auf den ersten Blick so wohlanständig wirkt, entpuppt sich nach und nach als bloße Oberfläche, als marodes Familienkonstrukt mit reichlich dunklen Ecken – zumindest von der gesellschaftlichen Normvorstellung aus betrachtet. Elizabeth George, deren Bücher sich gerade auch in Deutschland mit bisher rund 15 Millionen verkauften Exemplaren ungebrochener Beliebtheit erfreuen, sagte einmal in einem Interview, in Krimis gehe es darum, dass jemand lügt. In ihrem neuen Roman nun zeige sie, wie gern Menschen auch bereit sind, den Lügen zu glauben. Das passt schon, wenn man ihre reichlich kurz geratene Definition des Kriminalromans einmal beiseite lässt.
Derweil haben die Ermittler selbst auch ihre Päckchen zu tragen. Allen voran Thomas Lynley, der von einer Frau in Cumbria so beschrieben wird:

Der Mann war groß, blond, unglaublich attraktiv und auf die typisch dezente, leicht zerknitterte Weise elegant gekleidet, die nach altem Geld roch.

Tatsächlich entstammt Lynley dem englischen Hochadel und käme wohl auch ohne festen Arbeitsplatz über die Runden. Er versucht noch immer, über den gewaltsamen Tod seiner schwangeren Frau Helen hinwegzukommen. Ein Zwölfjähriger hatte sie erschossen. Jetzt hat Lynley ein heimliches Verhältnis mit seiner Vorgesetzten.

Weil er allein in Cumbria nicht viel ausrichten kann, bittet er seine stetig für ihn schwärmende, schlagfertige, aus der Arbeiterklasse stammende Kollegin Barbara Havers um Hilfe. Sie recherchiert für ihn von London aus einige Hintergründe zu dem Fall und hat daneben auch privat noch einiges zu regeln.
Was bereits in der Wiedergabe langatmig klingt, ist exakt das Problem des aktuellen Romans von Elizabeth George. Bis in die winzigsten Verästelungen folgt sie ihren Figuren in deren wild mäandernden, familiären Verwicklungen. Darüber hilft auch die kaum vorhandene Krimihandlung nicht hinweg. Dass Scotland Yard zu privaten Ermittlungen einen Inspector abstellt ist so hanebüchen, wie Lynleys Nachforschungen läppisch sind. Dabei hat Elizabeth George, die vor 24 Jahren ihren ersten Lynley-Roman veröffentlichte, in „Glaube der Lüge“ durchaus Themen eingebaut, die tragfähig wären. Da geht es unter anderem um Pädophilie und Leihmutterschaft, aber auch um gesellschaftliche Phänomene, wie die Homo-Ehe, oder sonst allenfalls als Randthema Wahrgenommenes, wie die Transsexualität. Aber Elizabeth George macht zu wenig daraus, behandelt die Themen nicht in einem gesellschafts- politischen, sondern allenfalls familiären Kontext. Manche Geschichten gehen darüber hinaus einfach nicht auf, weil die Figuren zu klischeehaft geraten sind oder bereits das Happy-End durch die Zeilen schimmert.
Da ist etwa die Geschichte des talentfreien Londoner Klatsch-Reporter Zed Benjamin, der in Cumbria vergeblich Jagd auf eine Story macht, sie aber partout nicht findet. Er ist 24 Jahre alt, lebt bei seiner Mutter, die ihm stetig junge Frauen vorstellt, auf dass er sich doch endlich verheirate. Als er nach Cumbria aufbricht, zieht die attraktive Studentin Yaffa in ein freies Zimmer der Wohnung. Um sich mit Zeds Mutter möglichst gut zu stellen, spielen Yaffa und Zed ihr bei regelmäßigen Telefonaten eine sich prächtig entwickelnde Beziehung vor. Und die Geschichte endet doch tatsächlich wie ein 50er-Jahre-Heimatfilm. Als die beiden sich nach einigen Tagen gegenüber stehen und Zed sie auf ihren Freund Micah anspricht, sagt sie:

„Ich fürchte, es gibt gar keinen Micah.“Er schaute sie verdattert an. „Wie bitte? Verdammt! Ihr habt euch getrennt?“                                                                                           „Zed“, sagte Yaffa. „Es hat nie einen Micah gegeben.“                                                               „Soll das heißen…?“                                                                                                                               Sie ließ ihn nicht ausreden. „Ja genau, das soll es heißen.“                                                         Er lächelte. „Du bist ja eine ganz Raffinierte.“                                                                             „Ja“, sagte sie. „So bin ich einfach. Und ja.“                                                                                  „Ja, was?“„Ja, ich will deine Frau werden. Wenn du mich noch haben willst, obwohl ich dich mit Hilfe deiner eigenen Mutter reingelegt habe.“                                                         „Aber warum willst du mich denn jetzt noch?“, fragte er. „Ich habe keinen Job, ich habe kein Geld, ich wohne bei meiner Mutter und…“                                                                       „Das sind die Geheimnisse der Liebe“, sagte sie.

Ja genau. Nun ist Elizabeth George versiert und klug genug, ihre weit verzweigte Geschichte nicht komplett im Kuschelmodus zu erzählen. Sie hat einige dramatische Wendungen eingebaut, aber die meisten gehen doch relativ glimpflich aus. Auch sprachlich liebt George den harten Kontrast zwischen deutlicher Ansage und rosamunde-pilcherhaften Allgemeinplätzen, wenn da etwa steht:

Sie stöhnte auf, als sie Lynleys wohltönenden Bariton erkannte.

„Glaube der Lüge“ ist eine leidlich spannende, detailverliebte Familiengeschichte, keinesfalls aber ein Kriminalroman. Hier ist einfach alles zu harmlos und weitschweifig, erstarrt in der Fortschreibung der immer gleichen Ingredienzien: die Running Gags, die Eigenheiten der Protagonisten, die familiären Tragödien, das stets irgendwo lauernde, versöhnlich Gute. Kein Buch jedenfalls, mit dem der Rezensent tagelang auf einer eingeschneiten Hütte allein sein möchte.

Elizabeth George: Glaube der Lüge. Aus dem Englischen von Charlotte Breuer und Norbert Möllemann. Goldmann-Verlag, 701 Seiten, 24,99 Euro.

(c) Frank Rumpel

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