Petros Markaris: Zahltag

knvmmdb-12.dllNiemand fängt die derzeitige Stimmung in Griechenland wohl so gut ein, wie Petros Markaris. In seinem aktuellen Roman, nach „Faule Kredite“ ist es der zweite Teil seiner Trilogie zur griechischen Krise, hat es sein Kommissar Kostas Charitos mit einem Mörder zu tun, der sich „nationaler Steuereintreiber“ nennt. Und der hat beschlossen, angesichts eines unfähigen, von Korruption und Vetternwirtschaft ausgehöhlten Behördenapparates, selbst die Initiative zu ergreifen. So verschickt er zunächst M

ahnschreiben an Großverdiener, fordert sie mit der Nennung exakter Steuerdaten auf, jene Beträge, die sie dem Finanzamt vorenthalten haben, nachzuzahlen. Andernfalls würden sie getötet. Nachdem zwei mit Schierling ermordet und ihre Leichen an archäologischen Ausgrabungsstätten drapiert wurden, beschließen einige freiwillig zu zahlen. Fast acht Millionen Euro gehen innerhalb kürzester Zeit bei den Finanzbehörden ein. Daraufhin fordert der „nationale Steuereintreiber“ vom Staat eine Provision und als die nicht kommt, wendet er sich der politischen Kaste zu.

Markaris Idee ist angesichts der aktuellen Lage so bestechend, dass er in Griechenland sicherheitshalber „Nicht zur Nachahmung empfohlen“ auf die Buchrückseite drucken ließ. In „Zahltag“ dreht der 1937 in Istanbul geborene und in Athen lebende Markaris das oft tröge Serienkilllermotiv fast ins Possenhafte, hält aber die Balance. Denn ihn interessiert der Alltag, den er in vielen kleinen, auch berührenden Szenen einfängt, denn mancher seiner Landsleute sieht in seiner Verzweiflung angesichts der aktuellen Lage nur den Suizid als Ausweg.

Er wollte der Krise auf den Grund gehen, sagte Markaris in einem Interview und genau das hat er in seiner Geschichte mit bissigem Humor getan. Der „nationale Steuereintreiber“ sticht mitten hinein in den verfilzten Politikbetrieb und deckt korrupte Strukturen auf. Die Menschen auf der Straße danken es ihm, organisieren gar eine Kundgebung samt Spendenaufruf. Denn die von der Krise gebeutelten Griechen müssen Gehalts- und Rentenkürzungen in Kauf nehmen und mancher muss froh sein, wenigstens einen schlecht bezahlten Job zu haben.

„Früher redete man vom Gehalt und den Zulagen, heute vom Gehalt und den Kürzungen. Das ist die treffendste Zusammenfassung der Krise“, sagt da einer zum Kommissar.

Jeden Tag sind andere auf der Straße, um gegen die Sparpakete zu demonstrieren oder ihre Betriebe zu bestreiken und so ganze Stadtteile lahmzulegen. Der Kommissar, dem mitten in der Krise eine Beförderung in Aussicht gestellt wird, was seine sonst eher undiplomatische Art etwas bremst, gerät da in ein Dilemma. Er soll einen Mörder fassen, den das Volk als griechischen Robin Hood feiert und dessen radikale Methoden angesichts der Lage als durchaus adäquat gesehen wird.

knvmmdb-13.dllDas hat Markaris alles wunderbar leicht in Szene gesetzt, mit den bei ihm üblichen Ingredienzien, versteht sich. Diesmal will die Tochter des Kommissars, die als Anwältin in Griechenland ohne Aussicht auf einen Job ist, bei den Vereinten Nationen anheuern und ihr Glück in Afrika versuchen. Die familiäre Tragödie liefert das Hintergrundrauschen der nationalen Befindlichkeiten. Das ist zwar gelegentlich etwas behäbig inszeniert, aber Markaris Humor gibt hier den Ausschlag. Zudem schimmert durch jede Zeile sein Engagement für das Thema, das insbesondere in dem zeitgleich erschienenen Band „Finstere Zeiten“ nachzulesen ist. Darin hat der Diogenes Verlag Markaris scharfsinnige Analysen der aktuellen Krise gesammelt, die er ab 2009 in deutschsprachigen Zeitungen veröffentlichte. Beides, der aktuelle Roman und die Artikelsammlung, zusammen genommen liefert den perfekten Soundtrack zur griechischen Krise, weil Markaris sie so unterhaltsam, wie lehrreich aufschlüsselt.

(c) Frank Rumpel

Petros Markaris: Zahltag. Ein Fall für Kostas Charitos. Aus dem Neugriechischen von Michaela Prinzinger. Diogenes-Verlag, 420 Seiten, 22,90 Euro. 
Petros Markaris: Finstere Zeiten. Zur Krise in Griechenland. Diogenes-Verlag, 162 Seiten, 14.90 Euro.

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