Paul Cleave: Das Haus des Todes

knvmmdb-14.dllDie am Meer gelegene Stadt Christchurch, in der 350 000 der rund 4,5 Millionen Neuseeländer leben, ist ein ziemlich übles Pflaster. Hohe Verbrechensrate, allenthalben Mord und Totschlag. Zumindest in den Romanen von Paul Cleave. Für den 1974 geborenen und in Christchurch lebenden Autor liefert die Stadt auf der Südinsel die düstere Kulisse für seine bisher sechs, gerade auch hierzulande sehr erfolgreichen Thriller.

Nachts wirkt die Innenstadt von Christchurch nach all den Jahren unverändert, auch wenn hier jetzt eine andere Atmosphäre herrscht. Die Menschen in dieser Stadt haben sich verändert. Es laufen mehr Leute mit glatt rasiertem Schädel und Tatoos herum, und Leute, die auf den Gehweg spucken, einander anrempeln und Streit suchen. Viele fahren schnelle Autos mit lauten Motoren. Am schlimmsten sind jedoch die Jugendlichen,

befindet im aktuellen Roman ein aus der Haft entlassener Mörder. Denn die Jugendlichen treffen sich Abend für Abend, dröhnen sich zu, liefern sich Autorennen und blockieren mit ihren Wagen die Stadt. Man merkt es schon: Das Subtile ist Paul Cleaves Sache nicht. Seine Romane handeln von Serienkillern und sind, das Thema bringt es mit sich, eher robust. Naturgemäß wird darin eine Menge gestorben, es geht blutig und brutal zu, die Protagonisten sind wütende Männer am Rand ihrer Leistungsfähigkeit. Immer wieder geht es um Selbstjustiz.
Theodore Tate war mal bei der Polizei. Bis er einen Mann tötete. Der hatte betrunken einen Autounfall verursacht, bei dem Tates Tochter starb und seine Frau in ein Wachkoma fiel. Seither schlägt sich Tate als Privatdetektiv durch. Er bekommt eine zweite Chance, als auf der Beerdigungsfeier eines ehemaligen Polizei-Kollegen ein Mord gemeldet wird. Tate fährt mit zum Tatort, denn an diesem Abend ist er, der einer Kopfverletzung wegen mit Wahrnehmungsstörungen zu kämpfen hat und deswegen keinen Alkohol trinkt, der einzig Nüchterne. Ein alter Mann wurde mit Messerstichen niedergemetzelt. Noch in derselben Nacht gibt es drei weitere Morde. Die Polizisten rasen von einem Tatort zum nächsten. Als ein Psychologe samt seiner drei Töchter entführt wird, sind sich die Ermittler sicher, es mit demselben Täter zu tun zu haben. Paul Cleaves Roman bezieht seine Spannung im Wesentlichen aus zwei miteinander verschränkten Erzählperspektiven. Einmal berichtet da Theodore Tate als Ich-Erzähler von den Ermittlungen. Die Leser indes sind stets einen Schritt voraus, denn ein zweiter Erzähler ist nah am Killer Caleb Cole. Auch Cole hat seine Tochter und seine Frau verloren, allerdings auf weit tragischere Weise. Seine Tochter wurde Opfer eines Pädophilen, der zuvor mit guter Sozialprognose aus dem Gefängnis entlassen worden war. Cole brachte den Mann um und ging dafür 15 Jahre in den Knast, woraufhin seine schwangere Frau Selbstmord beging. Im Gefängnis entwarf Cole einen simplen Plan: Er würde, wenn er wieder draußen war, jene büßen lassen, die damals mithalfen, den späteren Mörder seiner Tochter in die Freiheit zu entlassen.

Er steigt aus der Dusche. Der Badezimmerspiegel ist beschlagen, und das ist auch gut so – er will sich gar nicht sehen. Er schnappt sich seine Schlüssel, seine Jacke und sein Messer. Im Türrahmen bleibt er noch einmal stehen und betrachtet sein Zimmer. Es ist das letzte mal, dass er es sehen wird. Er hat sich hier nie zu Hause gefühlt. Er wird es nicht vermissen.

Der neuseeländische Autor weiß den steten Perspektivwechsel durchaus zu nutzen, produziert damit auf fast 600 Seiten aber auch manche Länge. Dafür gönnt er seinem kruden Humor reichlich Auslauf. Da begegnen sich etwa der Ermittler und der Mörder unwissentlich auf dem Friedhof, weil beide nachts die Gräber ihrer Töchter besuchen. Auf dem Parkplatz gibt der Polizist dem Killer Starthilfe, weil dessen Wagen nicht anspringt.

„Vielen Dank“, sagt er. „Keine Ursache“, erwidere ich und halte ihm instinktiv meine Hand hin. Er starrt sie für ein paar Sekunden an, dann streckt auch er seine Hand aus und reicht sie mir. Ich freue mich, einen Fremden getroffen zu haben, der kein Idiot war und so spät in der Nacht nicht versucht hat, mir die Brieftasche zu klauen. Er winkt mir beim Wegfahren kurz zu und dann bin ich wieder unterwegs, mit dem guten Gefühl, jemandem geholfen zu haben.

Der Schauplatz Christchurch bleibt in diesem Roman fast unsichtbar. Lokalkolorit sucht man ebenso vergebens, wie ein paar Zeilen über Gesellschaft oder Politik. Über Neuseeland erfährt man in Paul Cleaves Buch rein gar nichts. Er schraubt sich zwar tief in die lädierten Psychen seiner Protagonisten, aber die sind weder vielschichtig, noch verortet. Cleaves Christchurch ist austauschbar. Der Roman könnte ohne weiteres auch in Wuppertal spielen. Wem das egal ist und wer darüber hinaus blutige Serienkiller- Geschichten mag, wird hier solide bedient.

Paul Cleave: Das Haus des Todes. Aus dem Englischen von Frank Dabrock. Heyne-Verlag,
574 Seiten, 9,99 Euro.

(c) Frank Rumpel

SWR2

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Krimikritik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.