Mechthild Borrmann: Der Geiger

knvmmdb-16.dll„Der Geiger“ ist Mechthild Borrmanns fünfter Roman. Sie hat den Verlag gewechselt und den Schauplatz. Sonst aber ist alles wie gehabt, will heißen: Die Autorin liefert gewohnt hohe Qualität und verknüpft aufs Neue eine historische mit einer aktuellen Geschichte.

1948 rollt in der Sowjetunion die zweite große Säuberungswelle unter Stalin an. Ihr fällt auch der in ganz Europa gefeierte Geiger Ilja Grenko zum Opfer. Nach einem Konzert wird er verhaftet, gefoltert und zu zwanzig Jahren Arbeitslager verurteilt. Der Vorwurf: Er plane, sich mit seiner Familie ins Ausland abzusetzen. Seine Frau Galina aber weiß von nichts und glaubt lange das von den Behörden in Umlauf gesetzte Gerücht, Grenko sei aus dem Land geflohen. Sie wird samt ihrer beiden Kinder nach Kasachstan verbannt. Erst viele Jahre später bekommt sie Nachricht von ihrem Mann, einen Zettel, den ein ehemaliger Mithäftling überbringt. Da ist ihr Mann längst tot, und indem sie ihr altes Leben einholt, bricht ihr neues in sich zusammen.

Grenko hatte bei seiner Verhaftung seine Stradivari bei sich, ein Erbstück, die sein Urgroßvater 1862 von Zar Alexander II geschenkt bekam. Galina beginnt nachzuforschen, doch die Geige bleibt unauffindbar. Die Suche danach beschäftigt auch noch die folgenden Generationen, wobei jeder, der sich dem Thema widmet, tödlich verunglückt. Schließlich macht sich Ilja Grenkos Enkel Sascha von Düsseldorf nach Kasachstan auf, um seiner Familiengeschichte auf den Grund zu gehen.

Die 52-jährige Mechthild Borrmann, die für ihren im Vorjahr veröffentlichten, großartigen Roman „Wer das Schweigen bricht“ den Deutschen Krimipreis bekam, fächert ihre Geschichte in drei Erzählstränge auf, schildert die Schicksale des Geigers Ilja Grenko und seiner Frau Galina und führt alles in einem dritten Strang zusammen, der im Hier und Heute spielt. Eindringlich und präzise beschreibt sie das harte Leben im Lager und in der Verbannung, erzählt aber auch von den perfiden Mechanismen eines von Gewalt und Propaganda geprägten und von Spitzeln durchdrungenen Systems, in dem keiner weiß, wem er trauen kann. Dieses Gefühl von Paranoia und steter Unsicherheit überträgt Borrmann dann auch geschickt in die Gegenwart, sticht doch Ilja Grenkos Enkel bei seinen Nachforschungen in dasselbe Wespennest, wie all seine Verwandten zuvor.

Borrmann hat ihren Stoff sorgfältig recherchiert und erzählt ihn so geschmeidig wie kompakt. Allein die in der Gegenwart spielende Kriminalgeschichte ist diesmal zu konstruiert und zu spröde geraten, um sich glaubhaft zwischen die gut gearbeiteten, historischen Teile zu schieben. Dennoch versteht es Borrmann, nah und packend an den Figuren entlang zu erzählen, sodass am Ende immer noch eine spannende Familiengeschichte steht.

Mechthild Borrmann: Der Geiger. Droemer-Verlag,  299 Seiten. 19,90 Euro. 

(c) Frank Rumpel

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