Jakob Arjouni: Bruder Kemal

knvmmdb-23.dllBekannt geworden ist Jakob Arjouni mit seinen Kriminalromanen um den Frankfurter Privatdetektiv Kemal Kayankaya. Arjouni selbst wuchs in Frankfurt auf, verbrachte aber auch einige Jahre in Frankreich und lebt jetzt in Berlin. Elf Jahre ist es her, seit der 47-jährige Arjouni seinen Kayankaya zuletzt bemühte. Der ist jetzt Anfang 50, leicht übergewichtig und hat sein Büro in der Frankfurter Bahnhofsgegend.

Mein Büro befand sich im zweiten Stock eines herunter oder vielleicht nie hochgekommenen Sechziger-Jahre-Wohnhauses. Von der Fassade bröckelte rosabrauner Putz, manche Fenster waren mit Bettlaken verhängt, andere mit Möbeln zugestellt, im dritten Stock blinkten das ganze Jahr über Weihnachtslichterketten. Im Erdgeschoss gab es einen Secondhandkleiderladen, in dem man gebrauchte Moonboots, Polyesterhemden und rissige Gürtel kaufen konnte.

Diesmal heuert ihn eine Upperclass-Dame an, um ihre verschwundene, 16-jährige Tochter zu finden. Die Mutter ahnt, wo sie sein könnte: Bei einem Türken namens Abakay, der sich als Fotograf ausgibt. Als der Detektiv zu dessen Wohnung kommt, liegt dort ein Toter. Kayankaya überwältigt Abakay und befreit die Tochter seiner Klientin. In der Küche findet er Computerdateien, die auf einen Pädophilenring hindeuten. Kayankaya präsentiert der Polizei Abakay als Täter und nimmt seinen nächsten Job an.

Er soll während der Frankfurter Buchmesse den Leibwächter für einen marokkanischen Autor geben, der in seiner Heimat anscheinend eines schwulen-freundlichen Buches wegen von religiösen Fanatikern angefeindet wird. Kayankaya wittert einen stressfreien Job und muss dann doch mit ansehen, wie alles aus dem Ruder läuft, als sich Abakays Onkel, ein Prediger namens Scheich Hakim, einmischt.

In seinen ersten Kayanka-Romanen lehnte Arjouni die Figur des Kayankaya stark an jene der US-amerikanischen Autoren Dashiell Hammet und Raymond Chandler an, transferierte mit ironischer Distanz ganze Passagen vom Los Angeles der 20er Jahre ins Frankfurt der 90er. Aus deren Modell des amerikanischen Hardboiled-Detektivs zimmerte er einen hessischen Wiedergänger mit Migrationshintergrund. Im aktuellen Roman verbindet der Autor nun zwei knapp umrissene Geschichten zu einem spannenden Ganzen. Dabei wird hier vor allem – geredet. Es ist eine Art Diskurskrimi, mit dem Arjouni die Form des sonst eher handlungsorientierten Kriminalromans persifliert. Allerdings sind die wunderbar inszenierten Dialogszenen stets auch soziologische Bestandsaufnahmen, in denen Arjouni seinen Protagonisten mit ganz alltäglichem Rassismus konfrontiert und ihn als Ich-Erzähler mit den Stolperfallen der politischen Korrektheit spielen lässt. Die Dialoge kommen umso besser zur Geltung, als die dazwischen montierten Actionpassagen ziemlich robust sind. Am stärksten aber ist Arjouni, wenn er den vermeintlichen Zusammenprall der Kulturen in Szene setzt:

Ich erhielt einen Anruf von einem Mann namens Methat, der sich als Scheich Hakims Sekretär ausgab. Anfangs redete er türkisch, bis er mir einen Augenblick Zeit ließ, ihm zu erklären, dass ich kein Türkisch gelernt hatte. Nach einer ungläubigen Pause fuhr er auf Deutsch fort. Er sprach starken hessischen Dialekt. „Wer will mich sehen?“ „Sei Hellischkeit.“ „Helligkeit?“ „Heelliischkeit!“                  „Tut mir leid. Heilig, Höllig?“                                                                                     „Hellisch! Wie hellische Aussischt! Mensch!“ „Ah. Seine Herrlichkeit.“                       „Jetzt tu bloß net so, du…!“

Sein Roman ist gespickt mit solch herrlich fiesen Ideen. Mit dem Scheich trifft sich Kayankaya beim „Haxen-Herbert“.

Den gab es seit über vierzig Jahren, und die Vorhänge und Sitzpolster waren nie gewechselt worden. Selbst wenn nicht den ganzen Tag gegrillte und gekochte Haxen serviert worden wären, hätte es aus jeder Pore des Gasthauses nach Schweinefett gerochen. Dass ich Scheich Hakim hierher bestellt hatte, war ein Nazischerz.

Und auch die Buchbranche bekommt ihr Fett weg. Da tritt eine Art Sarrazin in kurzen Hosen auf, ein bekannter Journalist hat im ICE auf dem Weg zur Buchmesse eine Marien- Erscheinung und ein Literaturkritiker veröffentlicht unter Pseudonym den Roman „Oh, mein Herz, mein Herz, so schwer, so leicht“. Heraus gekommen ist ein so intelligenter, wie aktueller Kriminalroman – bisher Arjounis bester. Sein Stil passt einfach perfekt zu diesem Kayankaya, der bis zu seinem nächsten Auftritt hoffentlich nicht wieder elf Jahre im Schrank warten muss.

Jakob Arjouni: Bruder Kemal. Kayankayas fünfter Fall. Diogenes-Verlag, 225 Seiten, 19,90 Euro.

(c) Frank Rumpel

SWR2

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