Ramiro Pinilla: Nur ein Toter mehr

knvmmdb-26.dllDie US-amerikanischen Autoren Dashiell Hammett und Raymond Chandler modernisierten ab den 1920er Jahren mit ihren Hardboiled-Romanen den bis dahin vor allem angelsächsisch geprägten Kriminalroman. Ihre Detektive waren gebrochene Figuren, die nicht mehr in adligen Kreisen, sondern auf der Straße ermittelten. Doch der von ihnen geschaffene Typus des hart gesottenen Detektivs bietet auch reichlich Möglichkeit zur Persiflage und der inzwischen 89-jährige, spanische Autor Ramiro Pinilla nimmt das Angebot gerne an. In seinem Roman „Nur ein Toter mehr“ nutzt er die Form des Kriminalromans zu einem literarischen Spiel, das 1945 im Baskenland angesiedelt ist.

Sancho Bordaberris ist Buchhändler im kleinen Örtchen Getxo bei Bilbao. Allein:

Die Leute kaufen nicht sonderlich viel Bücher in Getxo; auf ihrer Werteskala belegen sie in etwa den Platz von Speckgrieben.

Deshalb versucht sich Sancho nebenher als Schriftsteller. Seine großen Vorbilder sind Hammet und Chandler. 16 ziemlich schlechte Krimis hat er geschrieben und alle wurden sie von den Verlagen abgelehnt. Als er sein letztes Manuskript mit einem Stein beschwert ins Meer schleudert, fällt sein Blick auf einen in den Fels zementierten Eisenring. 1935 wurden hier zwei im Dorf unbeliebte, erwachsene Zwillinge mit einer Kette um den Hals festgebunden, auf dass sie mit steigender Flut ertrinken sollten. Einer der Zwillinge starb, der andere konnte gerettet werden.
Sancho macht sich, gekleidet in Anzug und Schlapphut, an die Ermittlungen. Die Dorfbewohner unterstützen ihn. Schließlich läuft der Mörder noch immer frei herum. Nur die faschistischen Falangisten stört, dass da einer Staub aufwirbelt. Derweil hat Sancho nicht die Gerechtigkeit, sondern nur seinen nächsten Roman im Sinn. Realitätsnah soll er sein, weswegen er jeden seiner Schritte dokumentiert und Pinillas Roman gleichzeitig jener seiner Hauptfigur ist. Das führt immer wieder zu skurrilen Szenen, etwa, wenn Sanchos Sekretärin Koldobike meint, im Grunde könnte damals doch auch Sancho selbst die Zwillinge umgebracht haben.

„Du bist ja verrückt!“, entgegne ich scheinbar entrüstet, insgeheim bin ich jedoch hochbeglückt über diese Idee. Zwar hat Agatha Christie den Trick schon in „Alibi“ angewandt, aber meinen Roman würde dieser Verdacht zweifellos bereichern. Bin ich, der Autor, also der Mörder?“                                                                                      „Das ist genau die Antwort, die man von einem Mörder erwartet“, unterbricht Koldobike meine Gedankengänge.                                                                                    „Der tatsächliche Mörder wäre doch nie so bescheuert, sein bereits vergessenes Verbrechen ans Licht zu zerren!“                                                                                         „Es sei denn, er leidet unter Amnesie“, erwidert Koldobike. „Dann wäre er am Ende genauso überrascht wie der Leser. So würde der Roman garantiert ein Riesenerfolg. Ich würde dir das erste Exemplar auch druckfrisch ins Gefängnis bringen.“

Es ist eine humorvolle Farce, die Pinilla da inszeniert. Sein Sancho geht mit kindlicher Naivität an den Fall heran, was ihm das Leben rettet. Als Falangisten ihn zusammentreten und anschließend erschießen wollen, sagt Sancho, dass das seinem Roman nur noch mehr Realität gebe. Nach Realität sucht auch einer der Schläger, der sich als nationalistischer Dichter outet und vom blutenden Sancho wissen will:

Wie kann ein Dichter einen Roman in Angriff nehmen, ohne dass ihm dabei ständig Pfeilbündel und Joch, Abendstern, Blumenwiesen und schöne Maiden in den Sinn kommen?

Der baskische Autor Ramiro Pinilla erzählt hier mit leichter Hand von der diffizilen Lebenssituation nach dem Krieg und von den Herausforderungen für einen Schriftsteller in einer Diktatur. Pinilla machte da seine ganz eigenen Erfahrungen. Er hatte 1960 und 62 wichtige Preise für seine Bücher bekommen, überwarf sich dann aber mit seinem Verleger. 1971 zog er sich ganz aus dem offiziellen Buchbetrieb zurück. Er wollte im franquistischen Spanien seine Integrität und seine Unabhängigkeit bewahren, wie der Hispanist Paul Ingendaay sagte. Pinilla gründete einen kleinen Verlag und vertrieb seine Bücher selbst. Erst seit 2003 bringt ein großen Verlag in Barcelona seine Romane neu heraus, darunter auch sein Hauptwerk, das übersetzt „Grüne Täler, rote Hügel“ heißt. 2005 und 2006 bekam er dafür die beiden wichtigsten spanischen Literaturpreise. „Nur ein Toter mehr“ erschien im Original 2009 und erzählt sehr unterhaltsam von den Widrigkeiten, Literatur in Realität, vor allem aber Realität in Literatur zu verwandeln. Das lässt sich dann durchaus auch als eine so warmherzige, wie bissige Hommage an die frühen Hardboiled-Autoren lesen.

Ramiro Pinilla: Nur ein Toter mehr. Aus dem Spanischen von Stefanie Gerhold.  DTV-Verlag, 285 Seiten, 14,90 Euro.

(c) Frank Rumpel

SWR2

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