Alper Canigüz: Söhne und siechende Seelen

knvmmdb-27.dllEr ist fünf Jahre alt und gehört bereits zu jener Sorte Großmaul, denen man im direkten Kontakt doch gerne mal die Pest an den Hals wünscht: der Protagonist in Alper Canigüz Roman „Söhne und siechende Seelen“. Alper Kamu heißt der Knabe, der da schon Nietzsche und die türkischen Klassiker liest, Schostakowitsch hört, über einen gewaltigen Erfahrungsschatz verfügt und den kindlichen Fünfjährigen nur spielt, wenn es etwas zu erreichen gilt. Kein Wunder, dass er sich in der Blüte seines Lebens wähnt.

Mit fünf Jahren befindet sich der Mensch auf der Höhe seiner Reife, danach beginnt er zu faulen. Während mein Geburtstag näher rückte, stand ich die meiste Zeit am Fenster, um die Menschen draußen zu beobachten. Es machte mich krank, daran zu denken, dass ich eines Tages so werden würde wie sie. Leider gab es da keinen Ausweg. Die Zeit war grausam und ich alterte schnell.

Der vorzeitig gereifte Knirps hat gerade erfolgreich die Vorschule abgewendet und verbringt seine Tage nun damit, durch sein Viertel in Istanbul zu streifen, mit seinen Kumpels Fußball zu spielen und sich mit anderen zu prügeln, seine 20-jährige Nachbarin anzuhimmeln und sich nebenbei um all die Unannehmlichkeiten zu kümmern, die das Leben gelegentlich mit sich bringt. In diesem Fall ist das die drohende Versetzung seines Vaters ins anatolische Erzurum und der Mord an einem Nachbarn. Den entdeckt Alper durch Zufall. Dem pensionierten Polizeidirektor Hicabi Bey, der sich gerne als Blockwart aufführte, wurde in seiner Wohnung die Kehle durchgeschnitten. Am Tatort nahm die Polizei den verrückten Ertan fest, so etwas, wie der Dorftrottel des Viertels. Ihm fühlt sich Alper, der seiner Frühreife wegen von vielen ebenfalls für verrückt, mindestens aber für einen Kleinwüchsigen gehalten wird, verbunden und glaubt nicht an dessen Schuld. Also macht er sich, bewaffnet mit einem Plastikrevolver, den er zu seinem fünften Geburtstag bekam, selbst an die Ermittlungen, wobei die eher philosophischer Natur sind:

Die Verantwortung für ein Verbrechen einem Verrückten aufzubürden machte es der Staatsgewalt nicht nur leicht, sondern passte ihr zugleich auch ins Konzept. „Der Mörder war sowieso ein Irrer“ – den Fall mit diesem Satz abzuschließen kam ihnen sehr gelegen. Damit wollten sie andeuten, dass das System so perfekt war, dass man an dem Verstand eines jeden, der gegen die Gesetze dieses Systems verstieß, zweifeln musste. Und genau dieser Denkansatz brachte mich auf die Palme. Wer den Mord begangen hatte war mir eigentlich egal.

Gleichzeitig arbeitet Alper daran, die Versetzung seines Vaters in die Provinz rückgängig zu machen. Selbstbewusst resümiert er:

Ich erlebte die aufregendsten Tage meines Lebens. Ich war umgeben von Feinden, die vernichtet und Frauen, die vernascht werden sollten. Wobei, meine Waffe war aus Plastik. Und meine Frauen auch. Dennoch war das immer noch besser als gar nichts.

Der früh entwickelte Knirps, der da auf Augenhöhe in der Erwachsenenwelt mitmischt, seinem Vater den Raki wegtrinkt und gerne mal mal halluzinogene Pilze futtert, zu philosophischen Betrachtungen und psychologischen Analysen des Lebens neigt, hat in seinen jungen Jahren bereits ausgeprägte Ressentiments gegenüber der Gesellschaft entwickelt. Und er hält mit seiner Meinung nicht hinterm Berg:

Wie üblich war der Samstag wieder einmal verregnet. Nach einem späten Frühstück begann mein Vater ein Kreuzworträtsel nach dem anderen zu lösen, und meine Mutter stürzte sich auf die Wäsche. Wie die gesamte arbeitende Bevölkerung der Mittelschicht verbrachten sie ihre Arbeitstage damit, auf das Wochenende zu warten, um dann am Wochenende die Arbeit zu vermissen. Sie würden nicht einmal begreifen, wie sie am Ende ihres Lebens angekommen wären. Der Sieg des Systems.

Mit einer Analyse des Privaten freilich lässt es der 1969 in Istanbul geborene Autor Alper Canigüz, der Psychologie studierte, in Istanbul als Werbetexter arbeitet und bisher in der Türkei drei Romane veröffentlichte, nicht bewenden. Vielmehr nutzt er seine, die kindliche Unschuld verkörpernde Figur dazu, gewitzt und wie nebenbei zahlreiche Missstände in der Türkei zu benennen. Das reicht von der Kritik am Justizsystem, über Willkür bei der Polizei, Korruption und Vetternwirtschaft bis hin zu einer gesellschaftlichen Doppelmoral. Dabei geht er keineswegs dezent oder verklausuliert, sondern alltagssprachlich zu Werke. So steht etwa der junge Alper, nachdem sein Vater der Familie eröffnet hat, dass er wohl in den Osten des Landes versetzt werde, auf dem Balkon und schreit:

Erdogaaan, du Aaarsch. Ich kippte noch einen Rest Bier hinunter. Erdogaaan, du Doppelaaarsch.

Gemeint ist zunächst der Chef des Vaters, der hier aber wohl nicht ganz zufällig ein Namenspatron des türkischen Ministerpräsidenten ist. Die das Grundgerüst des Romans bildende Kriminalgeschichte ist verwickelt, kommt aber nicht richtig in Fahrt, weil Canigüz sie größtenteils im Nachklapp erzählt und die persiflierten Krimi-Elemente nur dafür verwendet, seinen Protagonisten durch die Stadt ziehen, vor allem aber in inneren Monologen über Gott und die Welt schwadronieren zu lassen. Der Roman lebt im Wesentlichen von der Widersprüchlichkeit seines selbstbewussten Protagonisten, setzt auf den immer wieder komischen Effekt eines erwachsen wirkenden Kindes, etwa wenn da der Kurze im besten Sandkastenalter ganz abgeklärt befindet:

Sartre hatte recht. Die Hölle, das sind die anderen.

Der Roman hat einige Längen, kommt gelegentlich nicht vom Fleck, auch weil sich die Figur des Höllenknirpses mit der Zeit etwas abnutzt und manches von dem, was er freimütig äußert hierzulande nicht die Brisanz hat, die sie in der Türkei haben mag. Dafür gibt Canigüz ein paar spitz formulierte Einblicke in die türkische Gesellschaft, arbeitet mit reichlich literarischen, wie philosophischen Anspielungen, vor allem aber ist seine Geschichte gesättigt mit schwarzem Humor, so dass man sich am Ende dann doch ziemlich gut unterhalten fühlt.

Der im Vorjahr von zwei Schwestern in Berlin gegründete Verlag Binooki hat sich junger türkischer Gegenwartsliteratur jenseits von Folklore und gängiger Stereotypen verschrieben. Mit Canigüz haben die Verlegerinnen in dieser Hinsicht einen guten Fang gemacht.

Alper Canigüz: Söhne und siechende Seelen. Aus dem Türkischen von Monika Demirel. Binooki-Verlag, 224 Seiten, 14,90 Euro.

(c) Frank Rumpel

SWR2

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Krimikritik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.