Christine Lehmann: Totensteige

knvmmdb-28.dllZuletzt wurde sie auf der Buchmesse angeschossen, davor war sie auf dem Mond, diesmal ist sie mitten drin in einem vermeintlich übersinnlichen Desaster: Christine Lehmanns zupackende Stuttgarter Schwabenreporterin Lisa Nerz, die gerne an gesellschaftlichen Konventionen zupft und öfter mal unfreiwillig über Leichen stolpert.

Diesmal ist es der übel zugerichtete Leiter eines Instituts, das paranormale Phänomene untersucht. Er liegt in seinem von innen verschlossenen Büro. Als mit einem im Institut arbeitenden Handwerker rasch ein potentieller Täter festgenommen wird, rutscht der Fall zunächst aus dem Fokus medialer Aufmerksamkeit.

Staatsanwaltschaft und Ermittler verfolgten eine restriktive Informationspolitik, und schon kurz darauf war für die Medien die Frage interessanter, wie man in Doktorar-beiten richtig zitiert und einen Minister stürzt, der uns mit seinem Charme heillos zu verwirren drohte. Ein Aufatmen ging durch die Republik, als er weg war, wir sanken zurück in die gewohnte Glanzlosigkeit und diskutierten im Fernsehen über die Frage, ob die Revolution in der arabischen Welt den Untergang der westlichen Welt bedeutete. Wie gefährlich ist die Demokratie dort, wo Diktaturen das Weltgefüge zementiert haben? Fern aller Weltfragen steuerte Baden-Württemberg in diesen Tagen auf einen Regierungswechsel zu.

Derweil zeigt sich ein Zusammenhang zwischen dem Mord und den am Institut gemachten Experimenten: Sollte sich bei streng wissenschaftlicher Versuchsanordnung jemand mit telekinetischen Fähigkeiten finden, winkten ihm eine Million Euro. Der Festgenommene scheint an den Tests teilgenommen und die Aufgaben gemeistert zu haben. Die Ergebnisse aber sind unter Verschluss. Um diese einzusehen, reist Lisa Nerz mit ihrem Freund, dem Oberstaatsanwalt Richard Weber, den sie einen

granatenkomplizierten pietistischen Bescheidenheitssimulanten

nennt und der stellvertretenden Institutsleiterin Derya Barzani nach Schottland, um dort einen weiteren, an den Experimenten beteiligten Wissenschaftler zu treffen. Das Flugzeug allerdings, in dem die Drei sitzen, muss mit Triebwerksschaden notlanden. In einem Gewölbe in Edinburgh entgehen sie nur knapp einem Anschlag, das Internet in England bricht zusammen. Die Medien stürzen sich auf die Geschichte vom inhaftierten Telekinetiker, der da von einer Zelle aus die Welt aus den Fugen schiebt.

Die Geschichte, die die 1958 geborene Christine Lehmann da auf über 500 Seiten ausrollt ist noch wesentlich komplexer und bietet mehr, als einen klassischen Locked-Room-Murder. Ausgiebig befasst sie sich mit wissenschaftlichen Erklärungen für scheinbar über- sinnliche Phänomene, erfindet eine Geheimkonferenz am Bodensee, bei der sich Politiker und Industrielle Gedanken über den Lauf der Welt machen. Gleichzeitig hinterfragt die SWR-Nachrichtenredak-teurin die Rolle der Medien, die den Inhaftierten zum Super-schurken mit Macht über Natur und Technik machen und damit eine Hysterie schüren. Es kommt zu Demonstrationen, deren Teilnehmer für den Gefangenen wenn schon nicht die Todesstrafe, dann doch wenigstens die Deportation auf eine unbewohnte Insel fordern.

Die Medien überziehen den Globus mit einer Fiktion,

sagt da Christine Lehmanns Verlegerin Else Laudan, die als Figur einen Auftritt hat.

Es geht gar nicht mehr darum, herauszufinden, wie etwas wirklich ist. Die mögen Angst. Das folgt der Weichenstellung des Neoliberalismus, Ethik ist privater Luxus. Wir leben in einem selbstreferenziellen System, in dem das Soziale auch nur Mittel zum Zweck ist, genau wie Wissen oder Wahrheit. Über allem steht der Gewinn. Die Illusionsquote muss mit der Krise steigen.

Das ist bei Lehmann zwar alles gnadenlos überzeichnet, aber eben auch klasse recherchiert, klug weitergedacht und gut erfunden. Die Stuttgarter Autorin lässt in ihrem bisher gewichtigsten Krimi aber auch einiges an ihre Figuren heran. Lisas Freund Richard Weber hat eine Affäre mit der attraktiven Derya. So kommt die schnoddrige, bisexuelle Nerz emotional ins Wanken, muss sich und ihre Rolle, auch die als Journalistin, hinterfragen, darf dafür aber auf der Konferenz am Bodensee mit Barack Obama und der Bundeskanzlerin plaudern. Vielschichtig und hellsichtig, kritisch, salopp und handfest ist Christine Lehmanns neuer Roman, in dem sie ein schwieriges Thema so unterhaltsam, wie scharfsinnig meistert.

Christine Lehmann: Totensteige. Ariadne-Verlag, 537 Seiten, 12,90 Euro.

(c) Frank Rumpel

SWR2

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