Peter Temple: Tage des Bösen

knvmmdb.dllEr heißt Niemand, Constantine Niemand, einer der Protagonisten in Peter Temples jetzt auf Deutsch vorliegendem Roman „Tage des Bösen“ – wobei nur der deutsche Titel so altbekannt und grenzdebil klingt. Im englischen Original heißt das Buch deutlich rätselhafter „In the evil day“. Niemand also – und dieser im Deutschen so angenehm irritierende Name passt perfekt zu dieser Figur – ist ein ehemaliger Söldner, der mittlerweile für eine Sicherheitsfirma in Johannesburg arbeitet.

Niemand war nie auf die Idee gekommen, umzuziehen. Er hatte keine Besitztümer, die ihm etwas bedeuteten, für seine Sicherheit sorgte er selbst, seit er fünfzehn Jahre alt war, und es war ihm egal, wo er wohnte.

Dieser Constantine Niemand überlebt als einziger einen harmlos scheinenden Job in Johannesburg und ist plötzlich in Besitz einer Videokassette. Als sich ein Interessent aus London meldet, wittert Niemand das schnelle Geld und nimmt noch am Abend ein Flugzeug nach London. Zuvor aber sieht er sich das Band an. Es zeigt ein afrikanisches Dorf, Menschen liegen am Boden, US-amerikanische Soldaten einer Spezialeinheit erschießen diejenigen, die noch am Leben sind. Nach und nach stellt sich heraus, dass das in Angola liegende Dorf zuvor Opfer eines Tests mit chemischen Kampfmitteln geworden war. Die amerikanische Pharmaindustrie hatte ihre Finger ebenso im Spiel, wie die amerikanische Regierung. Einige der damals Beteiligten mischen inzwischen in der großen Politik mit und wollen mit allen Mitteln verhindern, dass die geheime Militäroperation nun öffentlich wird.

In London angekommen, entgeht Niemand nur knapp einem Anschlag, ändert seinen Plan und will das Band nun einer Journalistin verkaufen. Bei der Übergabe wird er schwer verletzt. Eine Fremde rettet ihn, doch scheinen ihn seine Verfolger auch an den entlegensten Orten finden zu können. Derweil macht sich die ebenfalls leer ausgegangene Journalistin daran, auf eigene Faust in dieser Sache zu recherchieren.

Parallel dazu erzählt Peter Temple von dem Deutsch-Amerikaner John Anselm. Der ehemalige Journalist mit Kontakten zur CIA wurde 1993 zusammen mit einem Fotografen im Libanon gekidnappt und monatelang als Geisel in einem engen Kerker festgehalten, was seinem Erinnerungsvermögen nachhaltig zusetzte.

Das Licht rann aus der Welt, der Winter drang an seine Haut, so lief Anselm nach Hause, bis er vor seinem Tor in der stillen Straße stand und mit hängenden Schultern seinem abgerissenen Atem in der Luft nachblickte. In Beirut, als er gegen Klaustrophobie und Schmerz und Panik ankämpfte, hatten ihn seine Erinnerung an das Haus am Kanal, an die Küche und den Garten gerettet. Später, nachdem man ihn geschlagen und er in Panik die Löcher in seinem Bewusstsein entdeckt hatte, die Leerstellen und die Lücken, machte es ihm oft zu schaffen, dass er die Namen von so vielen Dingen nicht wusste. Lange Zeit konnte er nicht unterscheiden, was er nie gewusst und was er vergessen hatte.

Jetzt arbeitet er für eine Detektei in Hamburg, die über meist illegale Pfade Menschen aufspürt und ausforscht. Das sind zunächst ein paar Geschäftsleute, später dann Constantine Niemand. Auftraggeber ist in beiden Fällen eine Agentur in London, die wiederum Kontakte zum amerikanischen und englischen Geheimdienst hat. Wozu die gut zahlenden Kunden diese Informationen nutzen, interessiert die Hamburger Detektei oder zumindest deren Betreiber, einen ehemaligen BKA-Mann, nicht. Anselm dagegen, entwickelt nach und nach so etwas wie ein Gewissen. Auf der Suche nach sich selbst, nach seiner eigenen Vergangenheit und seiner verschlungenen Familiengeschichte, wird ihm alsbald klar, dass er über seine Rolle als Jäger von Constantine Niemand hinaus, selbst Teil dieser Geschichte ist.

Anselm fühlte sich krank, schwach, in seinen Adern summte es, der Geschmack in seinem Mund erinnerte ihn an Beirut. Er war jetzt Teil von jemandes Problem. Was immer das Problem war und wer immer die Leute sein mochten, die es hatten.

Gewieft, verschachtelt und ganz ohne Agenten-Schnick-Schnack erzählt der 1946 in Südafrika geborene und seit 1980 in Australien lebende Peter Temple diese Geschichte, die sich da mühelos zwischen Johannesburg, Hamburg, London und Wales entfaltet. Temple setzt dabei – und das ist keineswegs selbstverständlich – ganz aufs Erzählen. Er hält sich nicht mit Erklärungen auf, sondern erzählt kühl und in zahlreichen Dialogen seine ziemlich brutale Geschichte. Da gilt es mitzudenken, gelegentlich zurückzublättern, um den Faden nicht zu verlieren, um sich zu vergewissern, wer sich da nun gerade mit wem unterhält und auf welcher Seite er steht. Das ist zumindest am Anfang nicht immer einfach, klärt sich aber nach und nach, wobei es bei Temple kein Schwarz-Weiß gibt. Alle Figuren tragen reichlich grau in sich. Sympathieträger sucht man da vergebens. Über seine Art zu schreiben sagte Peter Temple, der im Vorjahr mit seinem grandiosen Roman „Wahrheit“ unter anderem den Deutschen Krimipreis gewann, in einem Interview:

Ich denke, in vielen Fällen ist weniger mehr. Ich mag beispielsweise keine Erklärungen. Ich hasse es, wenn mir in Büchern Sachen erklärt werden. Ich beschreibe auch meine Charaktere nicht besonders. Ich denke, man sollte sie durch das erkennen, was sie sagen. Mir sind inzwischen Landschaft und solche Sachen wichtiger geworden.

Und auf die für einen Thriller noch mehr als für andere Romane durchaus relevante Frage, ob er denn zu Beginn eines Buches schon wisse, wie es ausgehen werde, sagte Temple:

Nein, das nenne ich „Malen nach Zahlen“. Ich weiß zu Beginn eines Buches nicht, wo es mich hinführt, ich springe vor und zurück, vor und zurück. Ich fange an mit Bildern, Atmosphäre, Charakteren, versuche, mir die Welt vorzustellen. Das ist der Unterschied zwischen einem guten und einem schlechten Roman: Wie vollständig ist sein Bild von der Welt?

Bei Peter Temple, der auch schon zwei Jahre in Hamburg lebte und deshalb seinen Romanschauplatz bestens kennt, ist dieses Bild ziemlich reichhaltig – nur dass am Ende die beiden aus der Gesellschaft gekippten Protagonisten durch die Beziehung zu einer Frau gleichzeitig wieder eine Art Sozialleben erlangen, ist vielleicht etwas zuviel des Guten. Viel wichtiger aber ist, dass die Geschichte, um die es da im Hintergrund geht, nämlich das, was auf dem Videoband zu sehen ist, jene vom unfreiwilligen Jäger Anselm und dem etwas naiv in seine Rolle gestolperten Gejagten Niemand bestens trägt. Diese Geschichte hat Temple in seinem im Original bereits 2002 erschienen, aber kein bisschen veralteten Roman, unglaublich spannend und intelligent inszeniert und daraus ein echtes Thriller-Highlight gemacht.

Peter Temple: Tage des Bösen. Aus dem Englischen von Sigrun Zühlke. Bertelsmann-Verlag, 431 Seiten, 14,99 Euro.

(c) Frank Rumpel

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