Massimo Carlotto & Mama Sabot: Tödlicher Staub

knvmmdb-30.dllIm Südosten Sardiniens liegt das militärische Sperrgebiet „Salto di Quirra“, das 116 Quadratkilometer groß ist und seinen Stützpunkt im Dorf Perdas de Fogu hat. Rechnet man die regelmäßig für Übungen gesperrte Meeresfläche hinzu, wächst es auf 28 000 Quadratkilometer und damit auf eine Fläche an, die größer ist, als die Insel selbst und das Gebiet zum größten europäischen Truppenübungsplatz der Nato macht. Denn die nutzt laut den Journalisten Ambros Waibel und Pitzente Bianco (http://www.taz.de/!82342/) das Sperrgebiet seit Jahrzehnten ebenso, wie die italienische Armee und Rüstungsfirmen. Bisher grasten auf dem Gelände Schafe und Ziegen. Im vorigen Jahr ließ ein Staatsanwalt das Gebiet beschlagnahmen. Nun darf dort zwar noch geschossen, das Gelände aber nicht mehr als Weide genutzt werden. Denn in den vergangenen Jahren kamen viele Tiere missgebildet zur Welt. Schuld daran ist wohl eine Verseuchung mit Nanopartikeln, die beim Einsatz von uranhaltiger Munition frei gesetzt werden. Aber auch Kinder kamen in der Region mit Missbildungen auf die Welt und die Krebsrate ist hoch, weshalb der Staatsanwalt auch die Exhumierung von an Krebs gestorbenen Schäfern und Soldaten aus der Gegend anordnete.

Eine größere Öffentlichkeit bekam das Thema durch die Recherchen einer Gruppe von Journalisten, die sich „Mama Sabot“ nennt. Mit dazu gehört auch der auf Sardinien lebende Autor Massimo Carlotto, der die Rechercheergebnisse zusammen mit Mama Sabot in seinem nun auf Deutsch erschienenen Roman „Tödlicher Staub“ verarbeitete. Nun sind solche in Romanform transferierte Recherchen ja häufig schwieriges Terrain, weil bei derartigen Projekten die Geschichte gerne mal in allzu viel Botschaft ertrinkt. Carlotto allerdings ist versiert genug, sich in seinem Roman aufs Erzählen zu konzentrieren.

Die junge Tierärztin Nina Tola untersucht für eine Uni in Belgien, finanziert von einer privaten Firma, im militärischen Sperrgebiet die Missbildungen an Schafen und zwar solchen, die krank zur Welt kamen und anderen, denen sie giftige Nanopartikel injiziert. Der zweite Protagonist Pierre Nazzari ist aus der Armee desertiert, hat sich einiges zu Schulden kommen lassen und wird von der Militärpolizei gesucht. Auf Sardinien läuft er Männern in die Arme, die sich zunächst als Polizisten ausgeben. Nazzari soll für sie die Tierärztin und deren Arbeit ausspionieren. Das funktioniert bestens, die beiden kommen sich näher. Den Auftraggebern wird indes schnell klar, dass die Tierärztin mit ihrer Forschungsarbeit dem Sperrgebiet gefährlich werden könnte. Schließlich ist dort eine Menge Geld zu verdienen, zahlen doch private Firmen für die Nutzung 50 000 Euro. Pro Stunde.

Massimo Carlotto macht nicht den Fehler, alles erklären zu wollen. Dezent streut er die Informationen und erzählt eine eng umrissene Geschichte, die zwar nicht besonders gewieft ist, sich aber in einigen Punkten bestens mit der Realität rückkoppeln lässt – auch was die Dimension dieses Themas angeht. In seiner Geschichte gehen die Verantwortlichen und diverse Nutznießer für ein Bombengeschäft über Leichen und nehmen dafür auch gerne gesundheitliche Gefahren für die Bevölkerung in Kauf. Das ist zwar nichts Neues, doch holt Carlotto das Ganze nochmals auf eine andere Ebene, schafft über seine Figuren einen emotionalen Zugang, indem er die dezidierten Hintergrundsrecherchen von Mama Sabot einfach ein Stück weiterdenkt.

„Tödlicher Staub“ (so hieß auch schon ein Dokumentarfilm von Frieder Wagner über die Folgen des Einsatzes von Uranmunition, der zwar 2007 auf der Berlinale lief, aber nie einen Verleih fand) ist ein solider Kriminalroman und ein spannender Türöffner für ein ziemlich unappetitliches Thema, das die Tourismusindustrie samt Regionalregierung sicherlich ebenso gerne versenkt sähe, wie Mafia und Militär.

Massimo Carlotto & Mama Sabot: Tödlicher Staub. Roman. Aus dem Italienischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Tropen-Verlag, 159 Seiten, 14,95 Euro.

(c) Frank Rumpel

http://www.culturmag.de

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