Paco Ignacio Taibo II: Die Rückkehr der Tiger von Malaysia

knvmmdb-33.dllDen Kopf machten sie fiebrig und reizten die Nerven, die Geschichten des Emilio Salgari. Das zumindest behaupteten die Eltern jener Jugendlichen, die im beginnenden 20. Jahrhundert Briefe an den Turiner Schriftsteller schickten. Sie müssten, schrieben seine jungen Fans, seine Bücher deshalb heimlich lesen. Ein größeres Lob kann es für einen Autor von Abenteuergeschichten kaum geben. Auf sein Konto gehen etwa der Schwarze Korsar, vor allem aber die legendären Piraten Sandokan und Yanez de Gomara, die Tiger von Malaysia. Sie kämpften Mitte des 19. Jahrhunderts im indischen Ozean gegen die Engländer und hatten ihren Hauptsitz lange auf einem erfundenen Eiland namens Mompracem nahe Borneo.

Nun, 100 Jahre nach Salgaris Tod – er hatte sich 1911 in Turin mit einem Rasiermesser das Leben genommen – hat sich der mexikanische Autor Paco Ignacio Taibo II der Tiger von Malaysia angenommen.

Die beiden Männer tauchten langsam aus dem Nebel auf, als würden sie wiedergeboren. Aufgrund ihrer gespenstischen Erscheinung sahen beide Personen jugendlich aus, ohne es zu sein. Vielleicht war es der Glanz ihrer Augen, die Aura der Energie, die sie verbreiteten, das Gefühl triumphierender Gewalt, das offene Gelächter und das breite Grinsen, der sie durchströmende Adrenalinfluss, wodurch die Jugend imitiert wurde, und zwar strahlend und überzeugend. Ein zweiter Blick konnte die grauen Haare auf dem Kopf der Person mit dem zerfetzten Hemd und dem verschrammten Oberkörper nicht übersehen, eines Malaien, und nicht die tiefen Falten um die Augen bei dem Mann, mit der Zigarre, der zweifelsohne südeuropäischer Herkunft war.

Sie sind älter, aber kein bisschen ruhiger oder milder geworden. Auch mit knapp 60 hissen der gebürtige Malaie Sandokan und der Portugiese Yanez noch die Flagge des Tigers auf rotem Grund und widmen sich nach wie vor am liebsten ihrem Erzfeind, dem British Empire. Nun wäre die bloße Fortschreibung einer Geschichte der frühen Jugendliteratur, noch dazu mit all ihren Stereotypen nicht nur ziemlich langweilig, sondern auch völlig unnötig. Taibo schlug sich lange Jahre mit der Idee herum, war sich unsicher, wie er das Thema angehen, die Helden seiner Kindheit literarisch wiederauferstehen lassen sollte. In seinem Vorwort schreibt er:

Der Ausgangspunkt der Sandokangeschichten war Emilio Carlo Giuseppe Maria Salgari in seinem schäbigen Büro in einer Turiner Dachwohnung, der von Gläubigern verfolgt an seinem tragbaren Sekretär mit selbst hergestellter Tinte schrieb, sich auf mittelmäßige Enzyklopädien, schlechte Geographiebücher, fehlerhafte Wörterbücher, eine herrliche Phantasie und eine eindrucksvolle Fähigkeit zum Fabulieren stützte. Also? Genau wie Salgari, sagte ich mir. Phantasie, schlechte Enzyklopädien und viel Erfindungsgabe, mittelmäßige Atlanten und gute Figuren, Anachronismen, reichlich viele Ungereimtheiten und überbordende Leidenschaften.

Bei Taibo sind die Piraten nicht mehr in kleinen Schaluppen, sondern in einem als Segelschiff getarnten Dampfboot mit üppiger Bewaffnung unterwegs und nutzen ein weitverzweigtes Unterstützernetz. Einer ihrer engsten Verbündeten ist der Polizeichef von Singapur, ein anderer ihr kubanischer Bankier auf den Philippinen. Vor allem aber hat Taibo den Impetus der Geschichten, der bei Salgari allenfalls dezent anklingt, nämlich den historisch in keinster Weise belegbaren Kampf der edlen Piraten gegen den Sklavenhandel und für die Menschenwürde, stärker betont. Er habe, sagte Taibo in einem Interview, einen anti-imperialistischen Roman schreiben wollen, aber eben einen, der im 19. Jahrhundert spielt.

Die beiden älteren Herren Sandokan und Yanez sind zu gewieften Geschäftsleuten geworden und haben es in diesem Abenteuer mit mächtigen Feinden zu tun. In Malaysia und Borneo werden mit äußerster Brutalität Dörfer überfallen, die Bewohner versklavt und ermordet. Gleichzeitig beginnt eine Jagd auf die beiden Piraten. Mehrfach werden sie überfallen, ihre Konten in Hongkong und auf den Philippinen gesperrt, ihre Vertrauten gefangen genommen und gefoltert. Sie vermuten zunächst das britische Empire hinter all diesen Taten, verfolgt es doch mit der Ost-Indienkompanie handfeste, wirtschaftliche Interessen, die die Piraten immer wieder stören. Doch scheinen die Gegner der Tiger diesmal noch mächtiger, der Plan weitaus verschlungener und perfider zu sein.

Der 1949 im spanischen Gijón geborene und im Alter von neun Jahren mit seinen Eltern nach Mexiko emigrierte Taibo, der mit seinen gesellschaftskritischen Kriminalromanen und seinen Biographien von Pancho Villa und Che Guevara bekannt wurde, hat Sandokan aus dem Duktus der Jugendliteratur befreit. Er lenkt den Blick in seiner burlesk-humorigen Art auf einige Aspekte, die für Salgari nicht allzu wichtig schienen. So leistet etwa bei Taibo die bunt zusammen gewürfelte Piratentruppe – Sandokan nennt sie seine „Tigerchen“ – auf dem Indischen Ozean kreuzend einen ganz eigenen Beitrag zur Völkerverständigung.

Die Mentirosa war eine winzig kleine Reproduktion des Turms von Babel, was Ethnien, Sitten und Essgewohnheiten betraf. In diesem multiethnischen, polygastronomischen und multireligiösen babylonischen Turm war die gemeinsame Sprache die Lingua franca, das Malaiische. Aber es war ein an die barocke Realität angepasstes Malaiisch, in dem Englisch mit Südchinesisch, vor allem Kantonesisch und mit den Sprachen Hindustans, Papuas, mit Dialekten aus Borneo, Portugiesisch, Spanisch und Tagalog vermischt wurde. Häufig begann ein Gespräch in einer Sprache und ging schnell in eine andere über. An Bord der Mentirosa wurde in elf Sprachen und 31 Dialekten geflucht. Dennoch lautete der auf der bewaffnete Jacht am meisten gehörte Satz: “Was hat er gesagt?

Besonders reizvoll wird Taibos Geschichte aber durch dessen famose Figurenauswahl. Da hat etwa Old Shatterhand – der sich hier als der Geschichtensammler Karl Mays vorstellt – mit seinem Bärentöter eine zentrale Rolle. Eine Kämpferin der Pariser Kommune gehört ebenso dazu, wie Dr. Moriarty, ein Bösewicht von Arthur Conan Doyle oder Ray Bradburys „illustrierter Mann“, ein von Kopf bis Fuß Tätowierter, den Sandokan nur „Geschichten“ nennt. Rudyard Kipling – der Autor des Dschungelbuchs – tritt als Journalist auf, Yanez steht mit Friedrich Engels in Briefkontakt und überhaupt sind die beiden Tiger äußerst belesen. Prallvoll ist Taibos Roman, in dem sich philosophische und historische Exkurse ebenso finden, wie die Topoi der Abenteuerliteratur, von verborgenen Gängen und Schätzen, von Geheimgesellschaften, unbesiegbaren Helden und unwahrscheinlichen Rettungen.

Der von Ideen überbordende Roman ist gespickt mit Referenzen, aber er hat auch einen starken Kern, welcher der Abenteuergeschichte gut tut: die ehrenhaften, wenngleich brutalen Helden mit ihrem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, wollen das Ideal einer Welt, in der alle gleich sind und in der es keinen Besitz gibt. Da mag mancher die ideologische Überfrachtung eines lieb gewonnenen Mythos befürchten, doch hält Taibo das Thema geschickt im Hintergrund, belastet seine Geschichte nicht damit und schreibt so Salgaris Piratenlegende – die übrigens auch bei Taibo eine Männergeschichte bleibt – mit etwas anderer Betonung fort. Nach der Lektüre kann man sich für diesen Job kaum einen besseren vorstellen als den ausgebufften Mexikaner. Ein großartiger und kurzweiliger Roman, der nicht nur hält, was der Titel verspricht, sondern noch etwas darüber hinaus schafft: Er belässt die Figuren bei Salgari, borgt sie sich nur aus und macht sie zu Protagonisten eines literarischen Husarenritts.

Paco Ignacio Taibo II: Die Rückkehr der Tiger von Malaysia. Aus dem Spanischen von Andreas Löhrer. Assoziation A, 298 Seiten, 19,90 Euro.

(c) Frank Rumpel

SWR2

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