Leonardo Padura: Der Schwanz der Schlange

knvmmdb-35.dllVon einer vergangenen, kleinen Welt erzählt der kubanische Schriftsteller Leonardo Padura in seinem aktuellen Roman „Der Schwanz der Schlange“. Darin schickt er seine Serienfigur Mario Conde im Umbruchjahr 1989 ins Chinesenviertel von Havanna, um einen Mord aufzuklären.

Wie alle Situationen, in denen ein Chinese (auch ein toter) aufkreuzt, war auch diese kompliziert. Der Mann war nicht auf die einfache, schlichte Art liquidiert worden, auf die man in der Stadt normalerweise zu morden pflegte.

In die Haut des Toten wurden Zeichen geritzt und der melancholische Mario Conde, der bei seinen Ermittlungen „mehr zu Vorahnungen und voreiligen Schlüssen und weniger zur Routine neigt“, stürzt sich etwas naiv auf diese Spur. Ein alter Chinese namens Juan Chion weist ihm den Weg zu einem Geheimbund, mit dem die Zeichen vage zu tun haben könnten. Doch führt diese Spur ebenso ins Leere, wie der Hinweis auf einen afrikanischen Kult. Vielmehr zeichnet sich allmählich ein weit profaneres Motiv ab, das in eine Zeit zurück reicht, als das Chinesenviertel in Havanna noch vital war und mancher sein Geld nicht ganz legal verdiente. „Ach, Conde, ach, Conde“, seufzt da der alte Juan Chion über den begriffsstutzigen Polizisten, der seine Hinweise partout nicht verstehen will.

Schlange hat Schwanz und hat Kopf. Von Kopf kommt man zu Schwanz, und von Schwanz man kommt zu Kopf. Pack die Schlange! Egal wo, immer kommst du zu anderes Ende. Aber Vorsicht! Wenn du die Schlange packst an Kopf, sie beißt zu.

Nun hat der 57-jährige in Kuba lebende Autor, von dem mittlerweile acht Romane auf Deutsch vorliegen, neben der etwas lauen Kriminalgeschichte noch eine weitere Erzählebene eingezogen. Denn die Geschichte gehört zeitlich eigentlich zu Paduras Havanna-Quartett. Allerdings ist die Figur des Mario Conde in den darauf folgenden Romanen älter geworden, hat den Polizeidienst quittiert und sich als Antiquar und Schriftsteller versucht. Das Problem löst Padura, indem er den gealterten Conde an den Fall von damals denken lässt. Das Chinesenviertel war inzwischen ein

fast gänzlich verfallener Ort, in dem sich der Abfall türmte und überall Verbrecher aller Hautfarben und Berufszweige lauerten. Und nur, wenn man genau hinsah, konnte man vielleicht vier oder fünf magere Chinesen entdecken, die wie verstaubte Museumsstücke wirkten: letzte Überlebende einer langen Geschichte der Entwurzelung, alte Menschen, deren historische Funktion offenbar darin bestand, die sichtbaren Überbleibsel jener zehntausenden von Chinesen zu bilden, die im Laufe eines Jahrhunderts andauernder Migration auf die Insel gelangt waren und jenem Winkel Havannas einmal ein Gesicht gegeben hatten.

Mit dem realen Chinesenviertel Havannas hatte sich der junge Padura als Journalist für eine Reportage intensiv auseinander gesetzt und aus dem Stoff später eine Erzählung gemacht. Die Geschichte erweiterte er zu einem kurzen Roman und brachte diesen nun, also wiederum einige Jahre später, in die aktuelle Fassung. In seinem Nachwort schreibt er:

Hinter diesem Fall, der El Conde ins Chinesenviertel von Havanna führt, steht die Geschichte einer Entwurzelung, die mich immer bewegt hat: Die Entwurzelung der Chinesen, die nach Kuba gekommen sind, anfangs mit Arbeitsverträgen, die sie praktisch zu Sklaven machten, wie so viele heutige „Wirtschaftsflüchtlinge“ auf der ganzen Welt.

Trotz dieses aktuellen Bezuges und einiger literarischer Kniffe, ist die Kriminalgeschichte auch in der dritten Fassung viel zu geradlinig und absehbar, der Ton gelegentlich zu salopp geraten. Besser sind da schon die Szenen, in denen sich Condes Wahrnehmung von heute an den Erinnerungen von damals reibt und Padura die bitteren Geschichten gescheiterter Träume erzählt. Auf der einen Seite sind das die existentiellen Immigrationstragödien und auf Condes Seite jene von unerfüllter Liebe und der Sehnsucht nach einem etwas unbestimmten, besseren Leben. Da blitzt dann momentelang Paduras großes Erzähltalent auf, das diese kleine Geschichte dann wieder zumindest einigermaßen lesenswert macht.

Leonardo Padura: Der Schwanz der Schlange. Aus dem Spanischen von Hans-Joachim Hartstein. 188 Seiten, Unionsverlag, 18.95 Euro

(c) Frank Rumpel

SWR2

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Krimikritik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.