Fred Vargas: Die Nacht des Zorns

knvmmdb-36.dllDrei Jahre ist es her, seit die französische Autorin Fred Vargas ihren Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg ermitteln ließ. Um Vampirsagen ging es da, und Vargas schickte ihren sacht melancholischen Polizisten damals bis nach Serbien. Auch im aktuellen Fall, der in der deutschen Übersetzung den schnöden, gefühlt bereits dutzendfach verwendeten Titel „Die Nacht des Zorns“ trägt, muss der eigenwillige Adamsberg raus aus Paris, um sich einem heiklen Fall in der Normandie zu widmen, der eng mit einer alten Legende verknüpft scheint.

Das wütende Heer, so der Originaltitel des Romans, ist ein Mythos, dessen früheste schriftliche Erwähnung von einem normannischen Priester aus dem 11. Jahrhundert stammt, der meinte, ein lärmendes Geisterheer gesehen zu haben. Den Mythos, der auch „Die wilde Jagd“ heißt, gibt es auch in anderen Ländern, doch lässt Fred Vargas, die im Zweitberuf Archäologin ist und eigentlich Frédérique Audoin-Rouzeau heißt, das wütende Heer im normannischen Städtchen Ordebec für Wirbel sorgen.

Dieses alte Heer“,

erklärt Adamsbergs mit enzyklopädischem Wissen ausgestatteter Stellvertreter Adrien Danglard,

ist ziemlich demoliert. Die Pferde und ihre Reiter sind abgezehrt, es fehlen ihnen Arme und Beine. Es ist eine Armee von Toten, die den Himmel nicht finden. Alle, die vom Heer ergriffen werden, sind Schurken, schwarze Seelen, Ausbeuter, unwürdige Richter oder Mörder.

Eine alte, aus der Normandie angereiste Dame bittet Adamsberg um Hilfe. Ihre Tochter, sagt sie, habe das wütende Heer und mit ihm vier noch lebende Bewohner ihres kleinen Städtchens Ordebec gesehen: Für diese Vier droht Ungemach, denn wer als Lebender mit dem Heer gesehen wird, stirbt bald darauf eines unnatürlichen Todes. Einer sei bereits verschwunden. Der Kommissar hat indes Besseres zu tun, als in der Normandie alten Legenden nachzuhorchen. In Paris verbrannte ein hochrangiger Industrieller in seinem Auto. Verdächtigt wird ein stadtbekannter, junger Mann, der schon einige Autos angezündet hat. Das Ministerium schaut Adamsberg dabei auf die Finger, weil es auf keinen Fall zulassen will, dass dieser im Familienkreis des Getöteten ermittelt. Derweil lässt den Polizisten die Legende vom Wütenden Heer nicht los. Er fährt nach Ordebec, wo kurz darauf der Verschwundene, der zuvor mit dem Geisterheer gesehen wurde, ermordet aufgefunden wird. Adamsberg übernimmt die Ermittlungen, die immer wieder ins Leere laufen und weitere Morde nicht verhindern können.

Vargas’ Kriminalgeschichte ist ein klassischer Whodunit, hier eine Mördersuche im Dickicht lokalen Aberglaubens, die auf ihr Grundgerüst reduziert ein wenig fad wirkt. Doch wie immer bei der 1957 geborenen Fred Vargas ist diese Mördersuche auch in ihrem zwölften Roman – dem siebten um ihren Kommissar Adamsberg – perfekt mit reichlich falschen Spuren und einem Kern inszeniert, der die Geschichte bestens trägt. Wieder einmal geht es um eine Legende, die einen Landstrich durchdrungen hat. Ein jeder scheint daran zu glauben und weiß doch nur allzu gut, wie anachronistisch jene wilde Mär heute ist, die doch seinerzeit vor allem die Christianisierung stützen sollte.

„Ich denke“, sagte Fred Vargas einmal in einem Interview, „dass das, was man „kollektive Psychosen“ nennt, in der kollektiven Vorstellungswelt verankerte Themen sind, weil sie an Urängste rühren, die uns allen gemein sein. Und da der Kriminalroman, wie in ähnlicher Weise auch die Mythen, der Ort ist, an dem eine beängstigende Frage aufgeworfen wird, wähle ich gern ein Sujet von so allgemeiner Bedeutung.“

Der nahezu angstlose Adamsberg ist da der richtige Mann in Ordebec. Ihm sind Geister ebenso fremd, wie geradlinige Ermittlungen. Sein Denken mäandert scheinbar ziellos umher, während seine Sinne vor allem auf das Nebensächliche achten. So beschäftigen ihn etwa fortwährend die Kühe in der Normandie, die sich nur zu bewegen scheinen, wenn er nicht hinschaut. Mehr noch kreist sein Denken diesmal um die Brüste einer Verdächtigen, die ihn an einen Gugelhupf mit Mandeln und Honig aus Kindertagen erinnern – ein running gag in diesem Roman, zumal das Bild, einmal geäußert, auch die anderen Polizisten infiziert. Außerdem kann Adamsberg tagelang über ein Wort nachgrübeln, das in einer Unterhaltung fiel:

Das Wort sagte ihm überhaupt nichts. Wenn eine Idee darin enthalten war, musste sie tief gesunken sein, unter einem Felsen feststecken, von Algenbüscheln verborgen. Früher oder später würde sie sich losmachen und schlingernd an die Oberfläche steigen. Eine andere Möglichkeit des Nachdenkens kannte Adamsberg nicht. Abwarten, sein Netz aufs Wasser werfen, ab und zu hineinsehen.

Es ist unter anderem dieser Ton, der Vargas Geschichten so be-sonders macht, weil er ihnen etwas Leichtfüßiges, humorvoll Schwebendes, auch etwas sacht Entrücktes gibt, ohne dabei ins Phantastische abzudriften. Im Gegenteil: Es sind gerade auch ihre unkonventionellen und oft im Gedächtnis nachhallenden Sprachbilder, welche der Geschichte gleichermaßen Musikalität und Bodenhaftung geben. Da kommt Adamsberg ein Gedankenaustausch „zweideutig und etwas dornig“ vor und ein anderes Mal „spürte Adamsberg, wie vom Nacken herab bis in seinen Bauch etwas wie eine Wand in ihm einstürzte und in die Beine hinabfuhr.“

Fred Vargas schätzt ihre Figuren, allesamt eigenwillige, schräge Charaktere. Sie weiß um deren Potential und nimmt sie deswegen ernst, schiebt sie nicht nur als Erfüllungsgehilfen übers Spielfeld, sondern lässt ihnen ihre Spleenitäten und freut sich daran. Unter den Verdächtigen ist da etwa ein junger Mann, der an jeder Hand mit sechs Fingern zur Welt kam, damit gerne schon als Kind die Satansängste der anderen bediente und noch als Erwachsener ganze Sätze rückwärts spricht. Sein Bruder meint, tönerne Knochen zu haben, die er mit dem Verzehr von Insekten zu stärken glaubt. Eine wichtige Rolle spielt auch die zupackende Polizistin Retancourt,

eine große Frau, die in ihrem Wesen immer etwas Raues und leicht Imponierendes hatte, das einen davon abhielt, ihr vertrauliche Mitteilungen zu machen oder leichtfertige Fragen zu stellen.

Fred Vargas achtet auf die alltäglichen Kleinigkeiten. So erzählt sie etwa nebenbei von einer Taube mit zusammen gebundenen Beinen, die Adamsberg vor dem Kommissariat aufliest. Er nimmt sie in Pflege, schickt die Schnur gar ins Labor und ist wild entschlossen, den Urheber dieses grausamen Scherzes zur Strecke zu bringen. Die Taube indes ist vor allem Katalysator zwischen Adamsberg und seinem erwachsenen Sohn, von dessen Existenz er bisher nichts wusste und der nun bei ihm eingezogen ist.

Vargas Roman hat etwas von einem gelungenen Souflee, ist leicht, luftig und hat dennoch Substanz. Mit „Die Nacht des Zorns“ hat sie zwar nicht ihren besten, aber einen sehr guten Roman geschrieben, inspiriert, klug, unterhaltsam, so unwahrscheinlich wie spannend. Auf ihre ganz eigene Art hat sie damit einmal mehr von ihrem Blick aufs Leben erzählt.

Fred Vargas: Die Nacht des Zorns. Aus dem Französischen von Waltraud Schwarze. Aufbau-Verlag, 455 Seiten, 22,90 Euro.

(c) Frank Rumpel

SWR2

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