Andrea-Maria Schenkel: Finsterau

knvmmdb-38.dllIn ihrem vierten Roman „Finsterau“ hat sich Andrea Maria Schenkel wieder einen historischen Kriminalfall vorgenommen, sicheres Fahrwasser also, nachdem sie zuletzt in ihrem Roman „Bunker“ mit einem fiktionalen Stoff um eine Entführung nicht wirklich überzeugen konnte.

In „Finsterau“ ist Afra die einzige Tochter einer armen Tagelöhnerfamilie, die als 14-jährige gleich nach der Schule von zuhause weg geht, um sich ein eigenes Leben aufzubauen. Denn Afra „hatte ihren eigenen Kopf. Ihr Vater verprügelte sie, wollte sie auf den richtigen Weg zwingen. Sie kümmerte sich nicht darum, schüttelte sich, wie ein nasser Hund.“

Allein: Es ist das Jahr 1944 und selbst, wenn vom Zweiten Weltkrieg im Bayrischen Wald nicht viel zu spüren ist, sind es schwierige Zeiten. Nach einigen Jahren, in denen Afra als Bedienung in einem Gasthaus arbeitete, wird ihr gekündigt, weil sie sich mit einem französischen Zwangsarbeiter eingelassen hat. Schwanger kehrt sie zurück ins elterliche Haus im Dorf Finsterau, bringt ihr Kind zur Welt und hilft daheim mit, so gut es geht. Immer wieder streitet sie sich mit dem Vater. Seit der Geburt des unehelichen Kindes wird die Familie im Dorf noch mehr geschnitten, als zuvor. Als Afra 1947 erschlagen im Haus gefunden wird und auch ihr Sohn so schwer verletzt ist, dass er kurz darauf stirbt, zweifelt im Ort keiner an der Schuld des festgenommenen Vaters. Derweil kommen als Täter auch andere in Frage, doch verfolgt die Polizei diese Spuren nur halbherzig. Am selben Tag wurde Afra von einem Jungbauern aus der Nachbarschaft bedrängt und zwei Wandersburschen waren auch in der Nähe.

Die 50-jährige Andrea Maria Schenkel erzählt diese Geschichte aus mehreren Perspektiven, ist nah bei Afra und ihren Eltern, lässt aber auch die Polizisten zu Wort kommen, die den Fall bearbeiteten. Diese Aussagen allerdings sind von 1965, als der Staatsanwalt den Fall nochmals aufrollt, weil ein neuer Zeuge aufgetaucht ist. Aber auch 18 Jahre später sind viele angesichts der damals so klar scheinenden Indizienlage noch immer überzeugt, der Vater sei der Täter.

Besonders das Kind war ihm ein Dorn im Auge“, sagt da ein Polizist, der damals mit am Tatort war. „Es ist schon eine Schande, dass sie ein lediges Kind hat. Aber sie war nicht die Erste und wird auch nicht die Letzte sein mit einem Bankerten. Dass man darüber so in Wut geraten kann, verstehe ich bis heute nicht.

Vieles scheint da zusammen zu passen: Das Hemd des Vaters war blutgetränkt, als man ihn festnahm, und selbst eine Brotzeit scheint der vermeintliche Mörder mit der Toten im Raum noch gemacht zu haben. Dabei ist, das wissen die Leser schon früh, das Hemd blutig, weil er seinen verletzten Enkel an sich gedrückt hatte, und die Brotzeit machte einer der Polizisten.

Leider schafft es Schenkel diesmal nicht, aus den einzelnen Teilen ein packendes Ganzes entstehen zu lassen. Was sie in ihren ersten beiden Romanen „Tannöd“ und „Kalteis“ so gut beherrschte, das kaleidoskopartige Erzählen, das sich nach und nach zu einem Bild zusammen fügt, das funktioniert hier nicht. Es sind zu wenig Teile, die zu knapp, zu unpointiert, auch zu schlicht aneinandergereiht sind. Das Ineinanderschieben zweier Erzählzeiten – 1947 und die zweite Ermittlung 1965 – bringt zwar noch etwas Schwung in die Geschichte, aber bei weitem nicht genug. Immerhin erzählt sie von der Borniertheit mancher Ermittler, die sich angesichts der Spurenlage nur zu gern von der naheliegendsten Antwort überzeugen lassen. Ihr Täter ist ein einfacher, gottesgläubiger Mann mit schleichender Demenz, der sich nicht ausdrücken kann und zudem während der Nazizeit schon einmal acht Wochen im Knast saß, weil er dem braunen Pfarrer in dessen Predigt widersprochen hatte.

Er war immer den geraden Weg gegangen. Immer den geraden Weg. Er hatte gebetet und gearbeitet, versucht, ein guter Mann zu sein und seine Tochter fromm zu erziehen. Er wusste immer, wo sein Platz war, nur ein Mal hatte er sich aufgelehnt, gegen die hohen Herren, und dafür hat er bezahlt. Gleich nachdem die braune Brut an die Macht gekommen war. Alleingelassen hat er sich damals gefühlt, sogar der Pfarrer von der Kanzel redete dem Gesindel nach dem Mund.

Man ahnt schon früh den Ausgang der Geschichte, die ihre stärksten Momente in solch kleinen, intimen Szenen hat. Der ganze Roman aber wirkt etwas uninspiriert und auf weiten Strecken, wie das Imitat ihres Debüts „Tannöd“, ohne dessen beklemmende Atmosphäre erzeugen zu können. Finsterau bleibt blass.

Andrea Maria Schenkel: Finsterau. Hoffmann und Campe, 130 Seiten, 16,99 Euro.

(c) Frank Rumpel

SWR2

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