Kate Atkinson: Das vergessene Kind

knvmmdb-46.dllIn Kate Atkinsons neuem Roman kristallisieren sich gleich mehrere Geschichten um ein lange zurückliegendes Verbrechen aus dem Jahr 1975: In einer Wohnung im nordenglischen Leeds entdecken Tracy Waterhouse und ihr Polizeikollege ein ausgehungertes Kind, das drei Wochen mit der Leiche seiner Mutter eingeschlossen war. Viel später wird sich herausstellen, dass sie das erste Opfer des Serienmörders Peter Sutcliffe war, der von den Medien zum Yorkshire Ripper gemacht wurde. Tracy ließ das Schicksal des Kindes lange nicht los, zumal es plötzlich aus dem Krankenhaus verschwand.

35 Jahre später hat Tracy Waterhouse ihren Polizeidienst hinter sich. Doch um der Einsamkeit Herr zu werden, hat sie als Sicherheitschefin in einem Einkaufscenter angeheuert. Bei der Arbeit wird sie eines Tages von sich selbst überrascht: Einem plötzlichen Impuls folgend kauft sie einer drogensüchtigen Prostituierten, die ein Mädchen hinter sich herschleift, das Kind kurzerhand ab.

Der Bus fuhr los. Tracy sah ihm nach. Stumpfsinnig. Plötzlich verspürte sie einen Stich Angst. Sie hatte gerade ein Kind gekauft. Sie rührte sich nicht, bis sich eine kleine, warme, klebrige Hand in ihre schob.

Sie aß mit dem Kind im Bella Italia zu Mittag. Das Kind verschlang sein eigenes Gewicht in Penne, und Tracy knabberte an Knoblauchbrot. Ihr war der Appetit vergangen. Die Kidnapper-Diät.

Der Fall verkompliziert sich noch einmal, als die drogensüchtige Mutter kurz darauf ermordet wird. Die bis dahin völlig integere Tracy hat nichts damit zu tun, steigert sich nun aber in eine Paranoia, weil sie ihr schlechtes Gewissen quält und sie zudem vermutet, die Behörden seien wegen des Kindes längst hinter ihr her. Zu diesem Gefühl, verfolgt zu werden, trägt auch der Privatdetektiv Jackson Brodie bei. Der sucht nach der Familie eines in den Siebzigern adoptierten Mädchens und stößt dabei auf jenen Mord in Leeds, zu dem Tracy seinerzeit gerufen wurde.

Die 1951 geborene Kate Atkinson versteht es meisterhaft, all diese Erzählfäden miteinander zu verflechten und zwar auf eine sehr unspektakuläre Weise. Verbrechen und Ermittlung sind bei ihr nur ein Teil der Geschichte. Viel mehr interessieren sie die Zufälle, die Widrigkeiten, die alltäglichen Dramen und die teils bizarren Parallelitäten des Lebens. So befreit etwa der Privatdetektiv Jackson – ähnlich unverhofft wie Tracy – bei seiner Ankunft in Leeds einen misshandelten Hund aus den Fängen seines Herrchens und hat fortan eine treue Fressmaschine an seiner Seite. Auch Tracys Kind scheint unersättlich.

Die in Edinburgh lebende Autorin braucht nur wenige Sätze, um einer Geschichte Tiefe zu geben, wechselt gekonnt die Perspektiven und bewegt sich mit so traumwandlerischer Sicherheit im Leben ihrer Figuren, dass sie dabei keinen Moment auch nur in die Nähe eines Stereotyps gerät. Sie erzählt sehr präzise, ist dabei weitsichtig, lebensklug und bei alledem auch noch – witzig. Sie hat einen grandios trockenen Humor, der bei allem Mord und Totschlag, bei aller Schwere der Themen immer wieder Leichtigkeit in die Geschichte bringt.

„Geschieden oder verwitwet?“, fragt sich da etwa der vom Leben gebeutelte Privatdetektiv Jackson beim Anblick einer Zimmerwirtin.                                            „Sie wirkte wie jemand, der erfolgreich einen Sparringspartner überlebt hatte. Manche Frauen waren wie geschaffen für die Witwenschaft. Die Ehe war nur ein Hindernis auf dem Weg dorthin.“

Und ein alternder Polizist wundert sich, wie sich sein Beruf doch verändert hat:

Auf dem Bildschirm hatte Barry beobachtet, wie ein forensischer Experte ein Muster von Blutspritzern untersuchte. Als er bei der Polizei angefangen hatte, schlenderten sie durch Tatorte, als würden sie im Park spazieren gehen.

Atkinson hat mit „Das vergessene Kind“ einen wunderbar vielschichtigen Roman vorgelegt, dessen Stärke ihm stellenweise auch als Schwäche ausgelegt werden könnte: Die Parallelität von Ereignissen, die für Spannung und Situationskomik sorgt, mag in der Fülle gelegentlich etwas geschraubt wirken. Doch das ist Teil des literarischen Spiels, das Kate Atkinson so perfekt, wie unterhaltsam beherrscht.

Kate Atkinson: Das vergessene Kind. Aus dem Englischen von Anette Gruber. Droemer-Verlag, 459 Seiten, 19,99 Euro.

(c) Frank Rumpel

SWR2

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