Pete Dexter: Deadwood

knvmmdb-47.dllUm es gleich vorweg zu sagen: Deadwood ist ein Western und zwar einer, der mit den so zahlreich verbreiteten Klischees des Wilden Westens, wo ehrbare Sheriffs die Banditen auf der staubigen Hauptstraße ins Jenseits befördern und damit den Frieden im Ort wieder herstellen, so unterhaltsam, wie ernüchternd aufräumt. Pete Dexters Roman beginnt im Jahr 1876, in dem Häuptling Sitting Bull mit seinen Männern in der Schlacht am Little Big Horn die Armee von General Custer schlug, während die Goldgräber in die Black Hills von South Dakota strömten, um dort, mitten im Indianerterritorium ihr Glück zu finden. Sie gründeten das Städtchen Deadwood, in das im selben Jahr auch der legendäre Revolverheld James Butler Hickok, genannt Wild Bill, mit seinem Freund Charley Utter kam.

Sie fuhren bergabwärts, von Süden her, in Deadwood ein. Der Ort wirkte meilenlang und schmal, zur Hälfte bestand er aus Zelten. Der Matsch stand knöcheltief, und jeder nur erdenkliche Abfall wurde auf die Straße geworfen und vermischte sich damit. Auf den angrenzenden Bergen standen keine Bäume mehr. Nur Tausende von toten, verkohlten Stämmen lagen übereinander geschichtet auf der Erde.                                                                                                                                „Wie wirkt es auf dich?“, fragte Bill. Er saß oben auf dem Wagen, groß und gut aussehend, hielt die Zügel und nickte den Leuten zu, wenn sie ihm von der Straße aus etwas zuriefen. Wer da auf dem Wagen saß, hatte sich in der Stadt herumgesprochen, noch bevor Charley und Bill hundert Meter zurückgelegt hatten. „Wie aus der Bibel“, sagte Charley.                                                                                     Sie fuhren durch den Matsch, der an den Rädern und den Hufen der Maultiere kleben blieb, bis er sich durch sein eigenes Gewicht wieder löste. Weiter nördlich änderte sich die Nachbarschaft. Huren, Galgenvögel und Glücksspieler standen herum, mit einem Drink in der Hand und schossen in die Luft. Dieser Teil der Stadt wurde die „Badlands“ genannt.                                                                                                       „Welcher Teil der Bibel?“, fragte Bill.                                                                                 „Als Gott zornig wurde“, antwortete Charley.“

Der US-amerikanische Autor Pete Dexter hat für seinen, im Original bereits vor 25 Jahren erschienenen, Roman lange und genau recherchiert. Die meisten Menschen, von denen er schreibt, hielten sich damals tatsächlich in Deadwood auf. Die Schauplätze sind ebenso authentisch wie die Ereignisse. In seinem Buch lässt er gekonnt die drei ersten Jahre eines Städtchens aufleben, das heute nur knapp 1500 Einwohner zählt und von Touristen überrannt wird. Dafür ist jedoch vor allem eine Fernsehserie namens „Deadwood“ verantwortlich, mit der Pete Dexter zwar nichts zu tun hat, deren Macher aber munter Figuren und Begebenheiten aus seinem Roman adaptierten.

Dexters Protagonist ist Charles Utter. Der lebte wirklich, wird in historischen Darstellungen aber allenfalls erwähnt, weil er mit dem Revolverhelden Wild Bill befreundet war. Bei Dexter ist Charley Utter ein intelligenter und feinfühliger Mann, der viel Wert auf sein Äußeres legt, täglich badet und stolz darauf ist, noch nie einen Menschen getötet zu haben. Damit unterscheidet er sich wesentlich von den meisten Bewohnern Deadwoods. Dexter folgt ihm in seiner Erzählung. Um ihn herum kristallisieren sich alle anderen Geschichten, in denen der Autor in großen Kapiteln den Fokus auf einzelne, sehr genau und feinkörnig gezeichnete Figuren richtet, ohne dabei die jeweils anderen aus den Augen zu verlieren.

So erzählt Dexter etwa vom berühmten Wild Bill Hickok, der sich im Bürgerkrieg auf Seiten der Nordstaaten einen Namen machte, später als Sheriff einige Männer erschoss und ein paar Monate in Buffalo-Bills Westernshow auftrat. Als er zum Goldschürfen nach Deadwood kommt, ist er ein kranker Mann von gerade einmal 39 Jahren, der seine Berühmtheit so selbstverständlich trägt wie einen alten Mantel. Er glaubt, eine Blutkrankheit zu haben, und reibt sich, vom Arzt verschrieben, regelmäßig mit Quecksilber ein. Zudem hält er einen konstant hohen Alkoholpegel, sucht sein Glück beim Poker und unterhält die Leute, indem er trotz schwindenden Augenlichts im Saloon Nr. 10 einer Bulldogge Gläser vom Kopf schießt. Dort im Saloon wird er schließlich ermordet.

Dexter erzählt auch vom Mord an einer chinesischen Sängerin, namens China Doll, von der Zirkusartistin Agnes Lake, der Frau Wild Bills, die in der Stadt nach Spuren ihres Mannes sucht, in der Hoffnung, ihn zu verstehen, von einem brutalen Zuhälter namens Al Swearingen, der sich von einem Prediger verfolgt sieht und das Haus nicht mehr verlässt, oder von der berühmt-berüchtigten Jane Cannary, alias Calamity Jane (was so viel wie Katastrophen-Jane heißt), die Männerkleidung trägt, saufen und schießen kann, aber stets etwas neben sich steht. In Deadwood setzt sie nach Wild Bills Tod hartnäckig das Gerücht in die Welt, sie sei mit ihm verheiratet gewesen.

Den Hintergrund für all diese Geschichten bildet das Städtchen Deadwood. Der heute 68-jährige Pete Dexter, der 1988 für seinen Roman „Paris Trout“ den National Book Award bekam, taucht ein in jene Zeit, beschreibt sie so saftig, sinnlich und eindringlich, dass man eine ziemlich genaue Vorstellung von ihr bekommt, wie etwa hier:

Boone May,                                                                                                                                      (ein glupschäugiger Kopfgeldjäger, )                                                                                    ging durch den Raum, hinterließ dabei eine Schlammspur und setzte sich auf den Stuhl neben Bullocks Schreibtisch. Er trug einen Lederbeutel,                                        (in dem er den Kopf eines Gesuchten aufbewahrt, )                                                              und roch nach allem, was er in den letzten zwei Monaten angefasst oder gegessen hatte.

Dexter demontiert auf seine sehr charmante Art den Mythos Wilder Westen. Bei ihm ist die Geburt des modernen Amerikas eine Geschichte von Gewalt und Korruption, von Selbstjustiz und Willkür, und ganz nebenbei eben auch die Geschichte einer brutalen Landnahme.

Bill und Charley waren bereits seit vier Stunden in Deadwood, als ein Mexikaner in die Stadt geritten kam, der einen Indianerkopf bei sich trug. Er hielt ihn hoch, um ihn vor dem Matsch zu schützen, der von den Hufen seines Pferdes hoch spritzte. Es war das Aufregendste seit der Ankunft des Trecks.                                                           „Was ist los?“, fragte Bill. Er und Charley standen bei dem Zelt gegenüber ihres Wagens und probierten den Fünfzig-Cent-Whiskey.                                                     „Sieht aus wie ein Mexikaner auf einem geklauten Pferd, der mit dem Kopf eines Mannes herumreitet“, meinte Charley.                                                                           „Das ist ein Indianer“, sagte der Mann, dem das Zelt gehörte. „Die Stadt hat eine Belohnung von 250 Dollar für jeden Indianer ausgesetzt, tot oder lebendig.               „Der da ist tot“, meinte Charley. Sein Humor wurde zuweilen etwas trocken, wenn er trank. Bill schüttelte den Kopf.                                                                                    „Davon habe ich noch nie gehört. Dass man Mexikanern 250 Dollar dafür bezahlt, wenn sie einen Indianer umbringen.“

Pete Dexter ist, das zeigt er mit Deadwood einmal mehr, ein begnadeter Erzähler, sensibel, mit einem Blick für Details und viel Menschenkenntnis. Er erzählt mit atemberaubender Lakonie und messerscharfem, schwarzen Humor. Heraus gekommen ist ein packender historischer Roman, ein wenig schmeichelhaftes Gesellschafts- portrait, ein großartiger Western.

Pete Dexter: Deadwood. Aus dem Englischen von Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt. Liebeskind-Verlag, 448 Seiten, 22 Euro.

(c) Frank Rumpel

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