Rainer Gross: Kettenacker

knvmmdb-22.dll„Grafeneck“ hieß Rainer Gross Debütroman nach dem ehemaligen Jagdschloss auf der Schwäbischen Alb nahe Reutlingen, das die Nationalsozialisten zu einer Tötungsanstalt machten. 1940 ermordeten sie dort im Zuge des so genannten Euthanasieprogrammes 10 654 behinderte Menschen aus Bayern, Baden und Württemberg. Auch in Rainer Gross‘ drittem Roman, der im Hier und Heute spielt und doch Vergangenes verhandelt, hat Grafeneck eine wichtige Rolle. Gleichzeitig aber greift Gross auch ein ganz aktuelles Thema auf: Sexueller Missbrauch in katholischen Einrichtungen.

Dafür bemüht der Autor nochmals seinen Debüt-Protagonisten Hermann Mauser. Der in Buttenhausen im Lautertal wohnende Mauser ist pensionierter Lehrer, leidenschaftlicher Motorradfahrer und Hobbyarchäologe. Auf der Suche nach den Resten einer frühkeltischen Siedlung bei Kettenacker oberhalb von Zwiefalten stößt er im Wald auf ein gar nicht so altes Grab und darin auf ein Kinderskelett. Die Polizei ermittelt, Mauser forscht selbst nach. Denn in Kettenacker lebte früher sein Onkel Heinz, der zur Nazizeit als Roter verschrien von der strammen Hitlerjugend durchs Dorf gejagt worden war. Dessen zehnjährige Tochter verschwand 1933 spurlos.

Noch brisanter freilich wird dieser Fall, als sich Mauser, angestachelt durch den Skelettfund, tiefer in die eigene Familiengeschichte gräbt. Seine Schwester Mutz, die später als vermeintlich psychisch Kranke in Grafeneck vergast wurde, kam keineswegs behindert zur Welt, wie er stets gedacht hatte, sondern kehrte traumatisiert von einem Besuch bei ihrer Cousine in Kettenacker zurück. Das zumindest geht aus dem Tagebuch seiner Mutter hervor, die sich kurz nach dem Tod der Tochter erhängte. Da muss Mauser, selbst schon Anfang 70, auf seine alten Tage, die eigene Familiengeschichte neu schreiben.

Kraftlos hängt er im Sessel, der Kaffee ist längst lau, die Uhr tickt. Er fröstelt. Er sollte die Heizung höher drehen. Bullige Wärme, Gardinen, Blumen auf der Fensterbank. Staubgeruch, Teppichmuster. Da wird einer ja rammdösig.

Dann fällt ihm Mutz wieder ein und dieser eine Gedanke, der ihn plötzlich vorwärts bringt: sein Leben. Wie alles gekommen ist. Wie es damals war. Wer er eigentlich ist. Da wird einer dreiundsiebzig und hat sein Leben lang nicht gewusst, wer er ist.

Deutet zunächst alles auf den Onkel als Täter, wird alsbald klar, dass der nichts damit zu haben konnte. Nach und nach dringen Mauser und der in einer schweren Glaubenskrise steckende Kommissar Greving im Dorf Kettenacker zu jenen Geschichten vor, die dort so sorgfältig totgeschwiegen wurden.

Das ganze Verheimlichen und Vertuschen, das Leugnen und Vergessen, die Lüge eines ganzen Lebens. Sie sind nicht die Saubermänner, als die sie nach dem Krieg dastehen wollten. Sie sind nicht die jovialen Spaßmacher, als die sie sich am Stammtisch präsentieren. Sie sind nicht einmal aufrechte, charakterfeste Männer. Sie haben etwas Verdrücktes, Gequetschtes an sich, etwas steht seit Jahrzehnten unter Spannung und ist faul und schlaff geworden darunter. Greving wird klar, dass sie um ihren Ruf im Dorf fürchten.

Die Ausgangssituation des Romans wirkt samt der Krise eines protestantischen Kommissars im katholischen Oberland zunächst ziemlich konstruiert, doch hat man beides einmal akzeptiert, weiß Rainer Gross daraus eine packende Kriminalgeschichte zu entwickeln. Und zwar eine Geschichte, die fest mit einer Region und ihren Menschen verwoben ist. Da geht es um das Erkennen von und den Umgang mit Schuld und Schmach. Gross spielt dieses Thema in seinem Roman auf verschiedenen Ebenen durch und da passt dann eben auch der philosophisch veranlagte, mit seiner religiösen Überzeugung hadernde Polizist wieder ins Bild.

Der 1962 in Reutlingen geborene Gross erzählt seine Geschichte in einem unaufdringlichen Präsens, mit einem eher schwermütigen Grundton. Mit seinen Figuren geht er sehr behutsam um und fängt deren Befindlichkeiten sprachlich subtil ein. Lediglich bei Beschreibungen neigt er gelegentlich zu unfreiwillig komisch wirkenden Manierismen, wenn da etwa von „wattigem Gewölk“, von „Bängnis“ oder Wind die Rede ist, der „in Stößen geht“. Unterm Strich aber ist „Kettenacker“ eine ebenso präzise erzählte, wie konstruierte Geschichte lange zurück liegender Verbrechen, die da zwar spät, aber mit Macht in die Gegenwart drängen.

Rainer Gross: Kettenacker. Pendragon-Verlag, 366 Seiten, 12,95 Euro.

(c) Frank Rumpel

SWR2

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