Christine Lehmann: Malefizkrott

knvmmdb-29.dllMalefiz, das Spiel kennen Sie. Ravensburger. Da konnte ich als Kind schon nicht genug davon bekommen. Und Krott ist schwäbisch für Kröte.

Wiederholt lässt Christine Lehmann in ihrem aktuellen Roman eine ihrer Protagonistinnen, die 17-jährige Autorin Lola Schrader, bei Lesungen den Titel ihres Buches „Malefizkrott“ erklären. Nicht von Ungefähr erinnert sie an Helene Hegemann und ihr „Axolotl Roadkill“, zumal auch gegen Lehmanns Jungliteratin Schrader schnell Plagiatsvorwürfe laut werden. Damit aber nicht genug. Auf Buchhandlungen, in denen Schrader liest, werden Brandanschläge verübt, der Stuttgarter Antiquar Durs Ursprung, der sie als erster eingeladen hatte und dessen Buchhandlung bei der Lesung niederbrannte, später gar von einem Unbekannten erschossen, als er in einer Filiale der Buchhandelskette Walfisch randaliert. Deshalb engagiert Schraders Vater die Stuttgarter Schwabenreporterin Lisa Nerz als eine Art Begleitschutz für seine Tochter. Nerz ist dafür bekannt, ordentlich Staub aufzuwirbeln. In ihrer direkten Art vergleicht sie sich schon auch mal mit einem Bahnhof:

Er war wie ich, dieser Hauptbahnhof: Ungefällig, von altertümlicher Ästhetik, schroff, rau und verschlossen. Er war eine sperrige Demonstration gegen den bürgerlichen Schnörkelklassizismus anderer Metropolenbahnhöfe, zugleich jeglicher Modernisierung abhold, geistig tief im vorigen Jahrhundert verwurzelt und entschlossen, nichts dazuzulernen.

Nun soll Lisa Nerz, die weder Buchhandlungen, noch Bücher leiden kann, also auf Schraders Töchterchen aufpassen, belässt es aber nicht dabei. Sie will wissen, wer hinter den Anschlägen steckt und kommt dabei mit Hilfe ihres Freundes, dem Staatsanwalt Richard Weber, einer heiklen Geschichte auf die Spur, die mit einem weiteren Buch zu tun hat, das ihm in Durs Ursprungs Antiquariat in die Hände fällt. Es handelt sich um einen 1846 erschienenen Roman der Frauenrechtlerin Louise Otto Peters, in den frühe Flugblätter der Kommune 1 gebunden sind. Das Buch hatte er als Student in Tübingen von einer Freundin bekommen, die ihn 1967 zur Anti-Schah-Demonstration nach Berlin einlud, bei der dann Benno Ohnesorg erschossen wurde und in deren Folge sich die Linke radikalisierte. Die Freundin von damals ist mittlerweile Staatsministerin in Berlin.

Es ist bereits der neunte Roman um die bisexuelle Lisa Nerz, die da ab Stuttgart schnoddrig, im Haudrauf-Stil mit grimmigem Humor das Establishment der Landeshauptstadt verunsichert, stets darauf bedacht, es nur ja nicht zu gemütlich werden zu lassen. In diesem Fall hadert sie immer wieder mit sich selbst und muss sich beim Showdown auf der Frankfurter Buchmesse beim Blick in eine Pistolenmündung gar überlegen, wie sich das wohl anfühlt, erschossen zu werden.

Die SWR-Nachrichten-Redakteurin Christine Lehmann, die auch Jugendbücher und Liebesromane schreibt, kleckert nicht. Wenn sie ein Thema anpackt, geht sie erzählerisch in die Vollen, stets in engem Kontakt mit den jeweils virulenten Themen und Diskursen. Der Bezug auf Helene Hegemann und die Diskussion, um das Plagiat in der Literatur, ist da nur eine Spur. Daneben geht es um die Macht von Buchhandelsketten und großer Verlage, das wieder erwachte Interesse an der RAF, das Lehmann mit einem kleinen Dreh geschickt und stimmig mit ihrer Geschichte zu verknüpfen weiß und weil das Buch in Stuttgart spielt, darf der Konflikt um Stuttgart 21 freilich nicht fehlen. Die Proteste kommentiert sie scharfzüngig:

Nach wochenlangen Demonstrationen wankte schließlich die Landesregierung und stürzte. In Baden-Württemberg wurde die parlamentarische Demokratie zugunsten direkter Bürgerentscheide abgeschafft und das unumkehrbare Bahnprojekt gestoppt. Dann machten wir uns daran, alles andere umzukehren, was gegen den Willen der Bürger gebaut worden war: Die Messehallen auf den Fildern wurden abgerissen, die Liederhalle wurde gesprengt und schließlich der Fernsehturm umgesägt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Malefizkrott ist nicht Lehmanns stärkster Krimi, aber doch in der für Lisa Nerz entwickelten, zupackenden Sprache auf den Punkt erzählt und zudem so prallvoll mit lokalen, literarischen und aktuellen Bezügen, Anspielungen, pointierten Dialogen, mit Geschichten, die hier so lustvoll miteinander verknüpft sind, dass die Lektüre auch trotz eines mittelprächtigen Plots eine Freude ist.

Christine Lehmann: Malefizkrott. Ariadne, 319 Seiten, 11 Euro.

(c) Frank Rumpel

SWR2

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