Monika Geier: Müllers Morde

knvmmdb-49.dllEr nennt sich Müller, ohne Vornamen, ist ein ehemaliger Hacker, pedantischer Kleingeist – und ein Mörder. Am Ende von Monika Geiers mit ziemlich trockenem Humor erzählten Kriminalroman hat er nicht weniger als drei Leute und eine Kuh umgebracht. Ohne Not und ohne Auftrag – nicht, dass das irgendetwas ändern würde. Aber es gibt dieser Figur, einem von zwei Protagonisten, eine provokante Note. Denn eigentlich ist Müller nur ein kleines Licht in einem kriminellen Geschäft, und er hat plötzlich das Gefühl, einiges selbst in die Hand nehmen zu müssen, weil er glaubt, seine Machenschaften seien entdeckt worden – und das läuft völlig aus dem Ruder.

Fünf Kriminalromane um die in Ludwigshafen ermittelnde Kommissarin Bettina Boll hat die Autorin Monika Geier bisher veröffentlicht. In ihrem sechsten Buch hat sie sich nun von ihrer Serienheldin verabschiedet, fast zumindest. Sie gesteht ihr noch eine nicht unwichtige Nebenrolle zu, lässt sie aber ganz souverän erst auf Seite 174 auftreten. Protagonist ihres aktuellen Romans ist, neben dem Mörder Müller, dessen Gegenspieler Richard Romanoff, ein Hüne von über zwei Metern, Radfahrer, Strickpulliträger,

42, freiberuflicher Historiker. Wenn er sich in die Mitte seiner Wohnung stellte – also in die Küche -, dann konnte er mit einem Rundumblick die gesamte Misere betrachten: Er lebte in einer Studentenbude. Einer dreckigen Studentenbude. Er war der Freak, der in der WG-Wohnung hängen geblieben war, der Letzte von vielen. Niemals hatte er eigenes Geschirr gekauft. Und neben der Fensterbank am Esstisch hing nach wie vor der verblichene Spülplan, den die nervige Yvonne damals dorthin gepinnt hatte, damit ihn auch wirklich jeder sehen konnte.

Sein Geld verdient Romanoff mit dem Aufstöbern archäologischer Artefakte. Als einer seiner Kunden, ein Anwalt mit einer Schwäche für Troja und einer noch größeren für das mythische Atlantis, ihn als Detektiv für einen Mordfall engagieren will, nimmt er aus Geldnot an. Am Totenmaar in der Eifel starb der Umweltmanager eines Energiekonzerns an einer CO2-Vergiftung, anscheinend hervorgerufen durch vulkanische Gase. Auch eine in der Nähe ruhende Kuh segnete das Zeitliche. Die Behörden akzeptieren die Vulkangastheorie, der Leser weiß es bereits besser und versteht deshalb den Anwalt, ein Freund des Verstorbenen, der von Mord ausgeht. Der ermittlungstechnisch eher tapsige Romanoff stößt auf Ungereimtheiten und kommt dem Täter, den er im Energieunternehmen des toten Managers vermutet, gefährlich nahe.

Die Geschichte mag sich auf den ersten Blick etwas absehbar und geschraubt ausnehmen, doch hat Geier sie raffiniert inszeniert. Als Leser ist man mit dem Mörder Müller seinem Verfolger Romanoff stets einen Schritt voraus und doch bleibt die Geschichte spannend, weil sich Motive und Zusammenhänge erst sehr spät auftun und die sorgfältig ausgelegten Fäden passgenau miteinander verbinden. Geier zoomt sich nah an ihre Figuren heran, erzählt aus verschiedenen Perspektiven, von Müllers Plänen, Sorgen und Taten gar in minutengenauer Taktung, wie hier etwa von einer Begegnung im Zoo, kurz nach einem Mord.

Drei Jahre, höchstens, dachte Müller. Kein gefährlicher Zeuge, aber der Kleine musste da sofort weg, bevor er seine Mutter auf den Mann im Gebüsch aufmerksam machte.                                                                                                                                „Paul, Paulchen“, rief sie von weitem. Paul hieß er also, ein kleiner, runder, lächelnder Knirps, der Müller bestaunte wie ein aufregendes Geheimnis, das er da zwischen dem Laubwerk entdeckt hatte. Müller legte den Finger an die Lippen und macht ganz leise: „Psst!“                                                                                                      Der Kleine begann zu kichern. Mist. Jetzt hatte er einen neuen Freund. Eilige Schritte wurden laut. Müller entsicherte die Waffe. Paul wies auf Müller und sagte: „Da, Papa!“                                                                                                                              „Ich bin deine Mama, Süßer“, antwortete seine Mama routiniert und packte den Knirps, ohne Müller und die auf sie gerichtete Mündung auch nur mit einem Blick zu streifen. „Jetzt gehen wir zu den Hippos, mein Schatz, die Affen sehen wir später.“

Monika Geier kann wunderbar zugespitzt erzählen und hält ihre immer wieder am Rand der Groteske balancierende Geschichte mit Leichtigkeit in der Schwebe. Dennoch weiß sie relevante Themen glaubhaft in Kriminalliteratur zu transferieren – und zwar so geschickt und unterhaltsam, dass es nicht einen Moment gezwungen wirkt. Monika Geier gehört auch und erst recht mit ihrem sechsten Roman ganz klar zur ersten Reihe deutschsprachiger Krimiautorinnen.

Monika Geier: Müllers Morde. Ariadne-Verlag, 400 Seiten, 11 Euro.

(c) Frank Rumpel

SWR2

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