Christopher G. Moore: Der Untreue-Index

knvmmdb-53.dllEs war eine Zeit der Geheimnisse und Halbwahrheiten, der Intrigen und der Furcht, der Täuschung und des Zorns. Legale Geschäfte waren, wie fast die ganze Wirtschaft des Landes, zum Erliegen gekommen. Alle gingen in Wartestellung, bis der sich anbahnende politische Sturm vorübergezogen war. Furcht lag wie ein Hitzeschleier in der Luft, die Furcht davor, nicht zu wissen, was als Nächstes geschehen würde.

Es ist das Jahr 2006. Landesweit gab es in Thailand heftige Proteste gegen den rechtspopulistischen und zunehmend autoritär agierenden Premier Thaksin Shinawatra. Der war zwar erst 2005 in seinem Amt bestätigt worden, stürzte dann aber über eine Korruptionsaffäre. Im Herbst 2006 putschte das Militär. Thaksin floh ins Ausland.

Diese Ereignisse bilden das Hintergrundrauschen in dem nun auf Deutsch vorliegenden Roman des 59-jährigen Kanadiers Christopher G. Moore. Der lehrte in einem früheren Leben Jura an der Universität von British Columbia und lebt seit den 80er Jahren als Romancier in Thailand. Bekannt wurde er mit seinen bisher zwölf Romanen um den italienischstämmigen Privatdetektiv Vincent Calvino.

Er ist der beste Privatdetektiv in Bangkok.“ Calvino zuckte jedes Mal zusammen, wenn McPhail so übertrieb. Der beste Privatdetektiv war unsichtbar, ehrenhaft, stapfte ohne Murren durch den Schmutz der Straße und trug ihn nicht ins Wohnzimmer der Klienten. Ausländische Ehemänner in Stundenhotels zu beschatten, das bedeutete, hüfttief im Dreck zu waten. Calvino tat es ungern.

Diesmal kommt er allerdings nicht drum herum. Aufgeschreckt durch die in der Stadt kursierende Broschüre „Der Untreue-Index“ engagieren ihn vier ausländische Frauen, um zu erfahren, wie treu ihnen ihre Ehemänner, allesamt viel beschäftigte Anwälte und Geschäftsleute, tatsächlich sind. Calvino nimmt den Auftrag an, weil ihm gerade ein 10 000-Dollar-Honorar weg gebrochen ist. Ein Anwalt hatte ihn beauftragt, in einen Fall von Medikamentenpiraterie zu ermitteln. Calvino schloss den Fall zwar erfolgreich ab, doch erlag sein Auftraggeber just am Zahltag einem vermeintlichen Herzinfarkt.

Weil Calvino sein ausstehendes Honorar von der Kanzlei eintreiben will und der tote Anwalt zudem zu jenen Männern gehörte, die der Detektiv im Namen ihrer Ehefrauen beschatten soll, gräbt er in dieser Geschichte tiefer. Dabei kommt er einem einflussreichen Geschäftsmann in die Quere, dem nicht nur ebenjene Kanzlei gehört. Er pflegt beste Beziehungen zu den Mächtigen im Land und ist auf dem Weg zu einem politischen Posten. Calvino gerät unter Druck, wird eines Mordes beschuldigt, den er nicht begangen hat und schon bald kann ihm auch sein allenthalben Shakespeare zitierender Freund, Colonel Pratt, kaum mehr aus der Klemme helfen.

Moore liefert hier einmal mehr eine kompakte und spannende Noir-Geschichte, die tiefe und vielfältige Einblicke in die thailändische Gesellschaft und das Leben in Bangkok gewährt. Moore kennt beide Seiten, die der Thais und die der als Farangs bezeichneten Ausländer, die allzu oft nur lächelnde Oberfläche wahrnehmen. Gekonnt spinnt er Innen- und Außensicht ineinander, verknüpft Schauplätze und Milieus zu einer vielschichtigen Erzählung verschiedenster Lebenswelten in einer südostasiatischen Metropole. Und ganz nebenbei erzählt er eben auch von einer schweren gesellschaftlichen Krise, die längst nicht ausgestanden ist. Denn Moores im Original bereits 2007 erschienener Roman ist brandaktuell. Erst im vergangenen Jahr gab es monatelang Unruhen und Demonstrationen in Bangkok. Anfang August wurde Thaksins Schwester Yingluck Shinawatra zur neuen Premierministerin gewählt. Moore hat einen ebenso kenntnisreichen, wie unterhaltsamen Roman über das Thailand von heute geschrieben. In dieser Komplexität macht ihm das so schnell keiner nach. Da ist Moore eine Klasse für sich.

Christopher G. Moore: Der Untreue-Index. Aus dem Englischen von Peter Friedrich. Unionsverlag, 378 Seiten, 16,90 Euro.

(c) Frank Rumpel

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Krimikritik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.