Uta-Maria Heim: Feierabend

knvmmdb-56.dllLange hat sich Helene Spitznagel, die Protagonistin in Uta-Maria Heims neuem Roman, nicht mehr mit ihrer Familiengeschichte beschäftigt. Erst, als ihre halbwüchsige Tochter Susanne für ein Schulreferat danach fragt, bedrängen sie die alten Geschichten erneut. Dabei glaubte sie, diese in einem  Therapiezimmer zurück gelassen zu haben,

angeekelt, entsetzt. Ich hatte es so eilig, dieses Institut zu verlassen, dass ich vergaß, sie mitzunehmen. Das habe ich nie bereut. Man darf sich den Folterknechten nicht ausliefern und keine Sekunde zögern. In Extremsituationen ist das entscheidend. Fort, nur fort. Seitdem fühle ich mich wie ein unbeschriebenes Blatt. Im Grunde weiß ich, dass es nicht für immer so bleibt. Die Kindheit wächst einem schon wieder nach. Sie hat ein dickes Fell und haart, wenn man sie am Schwanz zieht. Es geht dabei weniger ums Erinnern, als ums Hinnehmen.

Die Geschichte, um die es da geht, liegt weit zurück. 1940 wurde Brunhilde, die behinderte Zwillingsschwester von Helenes Mutter, in der auf der Schwäbischen Alb in der Nähe von Reutlingen gelegenen NS-Tötungsanstalt Grafeneck ermordet. Brunhildes Patenonkel Hermann fuhr den grauen Bus mit den blinden Fenstern. 10 654 behinderte Menschen aus Württemberg, Baden und Bayern wurden in solchen Bussen in das ehemalige Jagdschloss gebracht und vergast. Doch Brunhilde könnte noch leben. Zumindest meint das eine Studienkollegin von Helene, die sich mit den so genannten Euthanasiemorden der Nazis beschäftigt. Das verstört Helene zutiefst, weil sie sich intensiv mit ihrer Familiengeschichte, deren dunklen Flecken, Sackgassen und Ungereimtheiten, auseinandergesetzt hatte.

Für die psychisch etwas labile Helene, die als allein erziehende Mutter und Übersetzerin in einer Kleinstadt im Schwarzwald lebt, kommen so nach und nach einige Gewissheiten ins Wanken, weil sich kolportierte Familiengeschichten als Legenden erweisen. Zudem wird in ihr Büro eingebrochen und wenig später bietet ihr eine etwas dubiose Putzfrau ihre Dienste an. Ihre pubertierende Tochter  beginnt, sich von Helene zu lösen. Sie schlittert allmählich in eine Lebenskrise, zumal auch ihr Freund Marius auf Distanz geht.

Die 1963 in Schramberg geborene Uta-Maria Heim erzählt diese Geschichte aus drei Perspektiven, lässt Helene, ihre pubertierende Tochter und die von schweren Schicksalsschlägen gezeichnete Putzhilfe Una zu Wort kommen. Heim bohrt sich in ihre Figuren, trifft ihren Ton und spürt deren Befindlichkeiten bis in die feinsten Verästelungen nach.

„Grafeneck reicht, was die Zahl der Opfer betrifft, in 10654 Familiengeschichten hinein. Dieses Buch setzt eine erfundene, aber gleichwohl mögliche Geschichte an die Stelle des Totschweigens und Vergessens“,  schreibt Heim, die auch als Hörspieldramaturgin für den SWR arbeitet, in ihrem Vorwort. „Feierabend“ ist ein klug kontruiertes Buch, das  so eindringlich, wie lapidar von der Macht des Verdrängten und des mutwillig Verfälschten erzählt. „Heimat ist da, wo man sich aufhängt“, hat der Autor Franz Dobler einmal gepoltert. Auch bei Heim geht es immer wieder um die Auseinandersetzung mit dem Begriff Heimat. Sie versteht es grandios, das Thema sprachlich zu umtänzeln, zu liebkosen – und in Stücke zu hauen. Das schafft sie auf kleinstem Raum mit scharfzüngigem Humor und mit viel poetischer Kraft.

Nun steht Kriminalroman auf dem Cover. Das ist er zweifelsohne, ein leiser, sprachmächtiger dazu. Das vermeintlich gängige Krimi-Erzählmuster aus Verbrechen, Ermittlung und Aufklärung aber ist hier allenfalls noch rudimentär vorhanden. Es bildet die lose Klammer für ein ziemlich kantiges Stück Literatur, in dem Heim eindrücklich zeigt, wie weit die Vergangenheit in die Gegenwart ragt und wie fragil unsere Lebensentwürfe doch sein können.

Uta-Maria Heim: Feierabend. Gmeiner-Verlag, 327 Seiten, 11,90 Euro.

(c) Frank Rumpel

SWR2

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Krimikritik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.