Anne Goldmann: Das Leben ist schmutzig

knvmmdb-25.dllEin Gründerzeithaus in einer Vorstadt Wiens und dessen Bewohner: Darum kreist Anne Goldmanns Debüt-Roman „Das Leben ist schmutzig“. Das hört sich unspektakulär an und ist es zunächst auch. Die unterschiedlichsten Charaktere finden sich dort zusammen, bestreiten ihren Alltag, freunden sich an, pflegen ihre Konflikte, ihre Eigenheiten, suchen ihr Stück Abgeschiedenheit oder einen Anschluss. Goldmann springt in kurzen Kapiteln zwischen den Bewohnern umher, zoomt sich ganz nah an sie heran und verändert dabei jeweils sacht ihren Erzählton. Sie trifft den Ton etwa für den im Parterre bei seiner Mutter lebenden, pubertierenden Markus, der da zunächst kriminell zu werden droht, bevor er sich in die fast doppelt so alte Langzeitstudentin und Kellnerin Mona aus dem ersten Stock verliebt, sie trifft den Ton für den altersstarren, grantelnden Pöhz genauso wie den für die psychisch labile Marie aus dem zweiten Stock. Sie nimmt ihre Figuren ernst und zeichnet sie mit viel Gespür für deren Nuancen und Befindlichkeiten, lässt ihnen Platz und schafft so ein Kaleidoskop von Lebensentwürfen, die sich da an einem Ort kreuzen. Ein Mietshaus als Mikrokosmos, der einen scheinbar beliebigen, aber schillernden gesellschaftlichen Ausschnitt abbildet.

Der Alltag gerät durcheinander, als im Keller die verwesende Leiche einer Frau gefunden wird, einer Bewohnerin des Hauses, die erst eingezogen war. Kurz vor ihrem Tod hatte sie einen Unfall, stieß beim Betreten einer Bank mit dem maskierten Räuber zusammen, der in der Stadt seit Wochen Geldhäuser erleichterte. Sie stürzte, verletzte sich schwer, kam aber wieder auf die Beine. Der Leichenfund verändert das Leben im Haus nachhaltig, weil er Misstrauen sät. Die Gerüchte kochen hoch, dann kehrt allmählich wieder so etwas wie Alltag ein, bis eine Bewohnerin erneut für Unruhe sorgt. Die etwas absehbare Kriminalgeschichte hat Goldmann ganz unaufgeregt eingeflochten. Da werden keine Ermittlungen beschrieben. Vielmehr wird sie Teil der übrigen Geschichten, weil sich die Hausbewohner mit dem Vorfall auseinandersetzen.

Goldmann begleitet ihre Figuren über viele Monate, entwickelt daraus eine vielstimmige Geschichte, erzählt sie klug und konsequent, mit viel Lebenserfahrung und gleichermaßen Sinn für die leisen Töne wie für die Wirrnisse, Schräglagen und gelegentlich grotesk anmutenden Abgründe, die so ein Leben bereit halten kann. Große Klasse.

Anne Goldmann: Das Leben ist schmutzig. Roman. München: Ariadne im Argument-Verlag 2011. 285 Seiten. 11 Euro.

(c) Frank Rumpel

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