Heinrich Steinfest: Wo die Löwen weinen

knvmmdb-2.dllAn einem Bahnhofsprojekt scheiden sich derzeit mindestens baden-württembergweit die Geister. Es bringt Menschen auf die Straße, die bisher nichts mit solchen Protestformen am Hut hatten. Nicht Wutbürger, sondern Bildungswutbürger nennt sie Heinrich Steinfest ob ihrer großen Sachkenntnis. Steinfest hat sich nun als bekennender Gegner von Stuttgart 21 literarisch an das Thema gewagt hat. Entstanden ist ein furioser Roman.

Nicht in seinem Stammverlag Piper, sondern in der Regionalkrimireihe des Stuttgarter Theiss-Verlages (der sonst vor allem Bücher zu Archäologie, Geschichte und Landeskunde verlegt) ist Heinrich Steinfests neuer Roman erschienen. Das lässt erst einmal aufhorchen. Doch für den in Stuttgart lebenden Autor war klar, dass sein Buch zu diesem Thema, wenn, dann in Stuttgart erscheinen müsse. Einen Regionalkrimi freilich wollte Steinfest auf keinen Fall schreiben. Hat er auch nicht. Tatsächlich ist sein Roman davon so weit entfernt, dass man die üblichen Ingredienzien, also das durch einen Kriminalfall touristisch verwertbare In-Szene-Setzen einer Region, nicht einmal von weitem winken sieht. Denn mit der Vorstellung, dass Leute mit seinem Buch in der Hand die Roman-Schauplätze in Stuttgart abgingen, wollte er sich partout nicht anfreunden. „Ich möchte lieber, dass die Leser in den Köpfen der Figuren spazieren gehen“, sagte er in einem Gespräch und nannte den Romanstoff an anderer Stelle dann auch ein „Welttheater auf Stuttgarter Boden“.

Das macht schon deutlich: Steinfest hat sich nicht verbogen, auch wenn sich die Produktionsbedingungen diesmal deutlich von denen bisheriger Bücher unterschieden. Denn den Stoff lieferte ein konfliktträchtiges, reales Projekt, gegen das sich der Stuttgarter Autor engagiert. Für ihn ist das Bauvorhaben dann auch der Versuch, „eine Stadt zu ermorden“. Und was liegt da näher, als die Form des Kriminalromans. Tatsächlich sagt Steinfest, sei ihm die „nie passender, zwingender, befreiender erschienen“, wenngleich er, zunächst Zweifel hatte, ob er sich tatsächlich auf etwas einlassen sollte, „das noch am Kochen ist“.

Denn ein so aktuelles, wie brisantes Thema birgt für einen Roman eine ganze Menge Risiken: Er könnte zum Diskurstext mutieren, der lieber ein Sachbuch geworden wäre. Ein Kriminalroman schlichteren Zuschnitts dagegen wäre womöglich mit Erscheinen bereits Schnee von gestern, weil die realen Ereignisse die fiktionalen längst eingeholt hätten. Steinfest aber tappt in keine dieser Fallen, hat sozusagen einen echten Steinfest geschrieben, dessen Handlung sich nicht in zwei Sätze packen lässt, der voll ist mit geistreichen Ideen und spektakulären Bildern, gelegentlich surreal, irrwitzig, verzettelt, oft ausufernd, philosophisch, immer sprachverliebt und überraschend. Er hat es geschafft, das Thema aufs Feinste zu literarisieren.

Ich glaube zwar sehr wohl an die Wahrheit“, sagte Steinfest in einem Interview, „aber als Romanautor bin ich bemüht, diese subjektiven Zugänge zum Thema anhand meiner Figuren zu entwickeln. Das ist ja ganz wesentlich. So wie ich es definiere, findet das in einem Stuttgarter Paralleluniversum statt, das inspiriert ist vom realen Stuttgart, von den realen Ereignissen. Diese realen Ereignisse sind eben der Versuch, die Stadt zu verwandeln, aus einer gewachsenen Stadt etwas neues zu machen. Der Punkt, der für mich interessant scheint, ist, dass es hier eine politische Kaste gibt, die das Stuttgart, wie es existiert, radikal verändern will. Und das ist die Unzufriedenheit mit diesem Ort, den man in einen völlig anderen, neuen Ort verwandeln möchte, in einen Ort, der auf Computern entsteht, diese Animationskultur, die eine völlig andere Welt vorgaukelt. Das ist die Weißer-als-weiß-Welt.“

Im Roman erklärt er den Lesern das Projekt an einer Stelle formschön zugespitzt folgendermaßen: Bei Stuttgart 21 ging es „mitnichten darum, einen Bahnhof unter die Erde zu kriegen, sondern soviel Geld als möglich. Die Gigantomanie der geplanten Höhlenarchitektur ergab sich aus der inneren Logik einer gewollten Verschwendung. Gewollte Verschwendung war ein wichtiger Bestandteil modernen Wirtschaftens. Viele Zweige, allen voran die Bauwirtschaft, hätten ohne die Philosophie des Verschwendens nicht auf die Weise existieren können, wie existierten. Das war natürlich nicht neu. Doch bei Stuttgart 21 war alles anders. Endlich einmal sollte die Verschwendung ganz aus sich alleine bestehen und sich nicht erst mittels eines Kerns rechtfertigen. Die Verschwendung sollte völlig frei sein von den Feigenblättern des Sozialen und Demokratischen. Sie sollte nackt und echt sein.“

Im Zentrum des Romans stehen drei Männer, die alle auf ihre Weise mit dem Bauprojekt zu tun haben und deren Wege sich im Verlauf der Geschichte kreuzen. Der 62-jährge Stuttgart-Forscher Hans Tobik, im Herzen ein Sozialdemokrat, ist maßlos enttäuscht von der Politik und wird zum potentiellen Attentäter. Er besorgt sich ein Scharfschützengewehr. Sein Ziel: Den Mächtigen die ihnen offensichtlich abhanden gekommene Angst zurückzubringen. Im Fadenkreuz: Der Sprecher des Projekts, ein Sozialdemokrat. Eine weitere wichtige Figur ist Kommissar Rosenblüt, Steinfest-Lesern aus seinem Roman „Ein sturer Hund“ bekannt. Er wurde, weil er den Mächtigen zu sehr auf die Füße getreten war, nach München versetzt. Für diesen Fall aber muss er zurück an seine alte Wirkungsstätte. Ein Münchner Geologe wird bedroht, weil sein Gutachten zu Stuttgart 21 nicht gefiel. Dann ist da noch der Archäologe Wolf Mach, der gerufen wird, weil sich bei Probebohrungen im Schlosspark eine antike, unverrückbare Apparatur fand, welche die Arbeiten zu verzögern oder gar zu stoppen droht.

Es gibt noch eine ganze Reihe weiterer fiktiver Figuren (etwa einen Hund namens Keppler, der sich nur ungern bewegt und Wiedergänger eines anderen, etwas eigenwilligen Steinfest’schen Hundes namens Lauscher ist oder Alicia Kingsley, „ein lebendig gewordener Panzer von polarer Schönheit, höchstwahrscheinlich englisch, höchstwahrscheinlich Androide“), die Steinfest, gewohnt detailreich und mit all ihren markanten Spinnereien zeichnet. Ganz im Kontrast zum Personal mit realer Entsprechung, das er im Hintergrund lässt und dem er lediglich ein paar Nackenschläge mit auf den Weg gibt. Da ist „der schwächliche, sich vor seinen Bürgern geradezu verbergende Oberbürgermeister“ oder der Ministerpräsident: „Ein Mann von der Schönheit einer dorischen Säule, mit der ein Unglück geschehen war.“

Nun hat der Österreicher Steinfest, der im Vorjahr mit dem Heimito-von-Doderer-Preis ausgezeichnet wurde, kein Pamphlet gegen Stuttgart 21 geschrieben, aber dennoch als engagierter Literat gewohnt spitz formuliert. Seinen Figuren bürdet er dennoch keine Meinung auf, lässt sie vielmehr ihre Positionen im Lauf der Geschichte entwickeln und begründen. Steinfests Blick auf die Welt ist ein satirischer und doch ist der Duktus dieses Romans etwas harscher, engagierter und auch schillernder als gewohnt, weil die Grenze zum Realen wesentlich dünner ist, als sonst. Aber das tut dem Text gut, verleiht ihm Wucht und Steinfest kann damit ohne weiteres für sich in Anspruch nehmen, wohl den Roman zu Stuttgart-21 geschrieben zu haben, der nicht nur klug und aktuell ist, sondern auch noch in fünf Jahren mit Gewinn zu lesen sein wird, ganz egal, wie sich die realen Ereignisse dann entwickelt haben werden.

Heinrich Steinfest: Wo die Löwen weinen. Roman. 280 Seiten, Theiss-Verlag, 19.90 Euro.

(c) Frank Rumpel

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