Friedrich Ani: Süden

knvmmdb-61.dllLeicht nach vorne gebeugt stand er seit einer Stunde an der Tür, in schwarzen Jeans, einem weißen Hemd, einer schwarzen Lederjacke und schwarzen, englischen Halbschuhen. Bei knapp einem Meter achtzig wog er fünfundneunzig Kilo, deren deutliche Schwerpunkte im Hüft- und Bauchbereich lagen. Seine Haare waren kürzer, sein Gesicht genau so unrasiert, wie früher.

Da ist er also wieder: Tabor Süden, der als Polizist in München auf seine sehr eigenwillige Art Vermisste aufspürte, aber all die Jahre unfähig war, seinen verschwundenen Vater zu finden. 14 Romane lang schickte sein Erfinder Friedrich Ani den wortkargen, melancholischen Grübler auf die Straße. Dann war Schluss. Süden quittierte den Dienst, nachdem sich sein von Depressionen heimgesuchter Kollege und bester Freund Martin Heuer erschossen hatte. Der in München lebende Autor Friedrich Ani wandte sich neuen Figuren und Geschichten zu. Zunächst wollte er auch dem Kriminalroman den Rücken kehren. Das tat er zum Glück dann doch nicht, denn Ani hat das Genre hierzulande mit seinen Themen, aber auch mit seinem behutsamen Ton deutlich geweitet. In seinen Süden-Romanen sind nicht Tote der Ausgangspunkt für eine Geschichte, sondern Verschwundene, die ja vielleicht noch am Leben sind. Das ist für ein Genre, das nur allzu oft den vertrauten Schemata verbunden ist, zunächst mindestens ungewöhnlich. Wenn sich dann noch einer, wie Friedrich Ani daran macht, der ein Meister des feinnervigen Dialogs und der vielsagenden Zwischentöne ist, dessen Sprache Musikalität besitzt und der seinen Figuren auf den Grund geht, ist das ein echter Glücksfall.

Der bereits vielfach ausgezeichnete Ani, der auch Jugendromane, Gedichte, Hörspiele und Drehbücher schreibt, ersann also zunächst einmal neue Figuren: den Hauptkommissar und ehemaligen Mönch Polonius Fischer und den blinden Kommissar Jonas Vogel. Beiden widmete er drei Romane. Und dann plötzlich, sagt Ani, stand dieser Tabor Süden wieder da. Und der Autor nahm den Erzählfaden wie selbstverständlich auf, knüpfte ganz unverkrampft an die früheren Romane an, traf den schwermütigen, gelegentlich mit leisem Humor durchsetzten Ton auf den Punkt.

Sieben Jahre verbrachte Süden in Köln und ist nun, im neuen Roman, zurück in München, weil es nach wie vor sein seit 35 Jahren verschwundener Vater ist, der ihn umtreibt. Süden findet ihn zwar auch diesmal nicht, bekommt aber immerhin Gewissheit darüber, dass er nicht weiter zu suchen braucht. Stattdessen heuert er bei einer Detektei an und kümmert sich um einen anderen aussichtslosen Vermisstenfall. Raimund Zacherl, genannt Mundl, der Wirt einer Kneipe in Sendling, ist seit zwei Jahren verschwunden. Die zwei Jahre davor verbrachte er vor sich hin starrend auf einem Hocker in seiner Wirtschaft, begann, wie Ani schreibt, „vor den Augen seiner Angehörigen, Freunde und Gäste zu verschwinden, und sie schauten ihm dabei zu.

Damals fand weder die Polizei, noch die von der Ehefrau beauftragte Detektei eine Spur. Jetzt will die Frau, dass noch einmal nachgeforscht wird. Süden kniet sich in den Fall, gräbt im Leben des Wirts und kommt ihm tatsächlich auf die Spur, indem er nach und nach jene Ereignisse in dessen Leben aufspürt, die ihn zu einem anderen Menschen machten, die sein Verhalten erklären und Süden den Weg weisen.

Nur die absolute Identifikation mit dem Gesuchten hatte Süden oftmals den einen Blick ermöglicht, mit dem er dann zu jenem geheimen Zimmer vordrang, von dem kein Mensch, kein Hund etwas wusste. Südens Verhalten nahm dann scheinbar sonderbare Züge an. Mit einem Mal teilte er nicht mehr die Trauer, den Schrecken und die Unsicherheit von Angehörigen, Freunden oder Wegelagerern, er teilte ausschließlich die Gegenwart eines Abwesenden. Er schwieg wie dieser, drehte sich weg, wie er, ließ, wie er, die anderen einfach stehen.

Ganz unspektakulär schreitet die Handlung voran. Tabor Süden streift durch die Stadt, spricht mit Freunden und Verwandten des Verschwundenen und setzt die Puzzleteile zusammen. Alles liegt scheinbar so offen da und dennoch weiß Ani daraus eine spannende Geschichte zu machen, die immer wieder überrascht, weil sie von den Niederungen und dem kleinen Glück erzählt, das sich gelegentlich darin ausmachen lässt, von Menschen, die auf der Suche nach einem anderen Leben sind und dafür ungewöhnliche Wege gehen. Ein klasse Kriminalroman, wie er intensiver kaum sein könnte. Den leichten Stoff sucht man bei Ani nach wie vor vergeblich. Bei ihm geht es um Leben und Tod, immer. Und was könnte für den Kriminalroman passender sein.

Friedrich Ani: Süden. 367 Seiten, Knaur Verlag, 9,99 Euro.

(c) Frank Rumpel

SWR2

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