Thomas Hoeth: Erblast

knvmmdb-69.dllNatürlich habe ich sie sofort erkannt. An der Körperhaltung, an ihrer Gestalt im Gegenlicht. Sie setzte sich zu mir an den Tisch. Dabei hielt sie den Blick, ließ meine Augen nicht los. Aber noch immer war ihr Gesicht eine getönte Folie gegen das Licht. Sie streckte ihre Arme nach mir aus, wie zwei Angelruten und ihre spitzen Haken schoben sich schon in mein Fleisch, ich hielt ihr die Wange hin. Doch sie suchte meinen Mund und küsste mich. Es war mir nicht unangenehm, aber ich wollte es nicht. Ich wollte den Köder nicht schlucken. Sie merkte es und zog sich mit einem leicht spöttischen Lächeln in ihren Sessel zurück.

Annette Delius heißt die Frau, die sich hier dem Ich-Erzähler und Detektiv Amon Trester nähert. Sie ist mit einem Stuttgarter Pharmaunternehmer verheiratet, fühlt sich verfolgt und steckt zudem in einer schweren Krise. Ihr ist der Vater abhanden gekommen. Aufgewachsen als Vollwaise hielt sie lange jenen Mann dafür, der damals zusammen mit ihrer Mutter bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Eine ärztliche Untersuchung ergibt jedoch, dass er es nicht war. Ihr wirklicher Vater könnte also noch leben und den zu suchen, beauftragt sie den früheren LKA-Zielfahnder und jetzigen Privatdetektiv Amon Trester, mit dem sie einmal ein kurzes, stürmisches Verhältnis hatte. Der geht der Sache gemeinsam mit einer SWR-Journalistin und einer schwäbischen Schamanin nach und deckt dadurch ein Verbrechen auf, das alle Beteiligten, darunter auch Annettes Mann, für gut verborgen hielten. Zeitgleich bricht nicht ganz zufällig aus der Haftanstalt auf dem Hohenasberg ein Triebtäter und Mörder aus, der noch eine Rechnung zu begleichen hat, die Teil jener Geschichte ist.

Für sein im Vorjahr erschienenes Debüt „Herbstbotin“ bekam der Autor und SWR-Fernsehjournalist Thomas Hoeth 2010 den Stuttgarter Krimipreis. Jetzt hat er mit „Erblast“ seinen zweiten Roman um den Privatermittler Amon Trester nachgelegt. Erschienen ist er, wie sein Vorgänger, in der Regional-Krimi-Reihe des Tübinger Silberburg-Verlags, der diesen Roman als „Baden-Württemberg-Krimi“ verkauft. Das ist in Sachen Regional-Krimi, der seine Geschichten in möglichst kleinen Gebieten ansiedelt, schon ziemlich großräumig formuliert und deutet bereits an, dass Hoeths Roman in dieser Nische nur mit Mühe unterzubringen ist. Denn die will vor allem klare Verortung und ein großes Wiedererkennungspotential. Der Kriminalroman liefert in dieser Sparte häufig nur das vage, gelegentlich mit leidlichem Talent umgesetzte, erzählerische Gerüst, an dem entlang sich die Hauptsache, nämlich Land und Leute schildern lassen, stets darauf bedacht, den Kriminalfall nie so dominant werden zu lassen, dass darüber ein gewisser Wohlfühlfaktor verloren geht. Doch „Erblast“ von Thomas Hoeth funktioniert anders: Hoeth kann gute, unbequeme Geschichten erzählen und sein Stuttgart spielt darin keineswegs die Hauptrolle.

Es ist eine verwickelte und komplexe Geschichte, die Hoeth da ausrollt, in der es um Vergewaltigung und Mord, um nicht zu tilgende Schuld, um Mitwisserschaft und Abhängigkeiten, um Macht und Einfluss von Wirtschaftsunternehmen geht. Hoeth hat in seinem zweiten Roman zu einem ruhigeren Erzählton gefunden als in seinem Debüt, in dem er einige Male schrille Szenen generierte, die nicht so recht zu den Figuren und der Geschichte passen wollten. Überzeichnung findet sich aber auch in diesem Roman. So tritt der Autor etwa Annette Delius’ nymphomanische Seite breit aus, schafft es aber nicht ganz, ihr darüber hinaus klare Kontur zu geben. Andere Figuren dagegen gelingen ihm weitaus stimmiger als in seinem Erstling.

Sprachlich ist Hoeth souverän, erzählt aus mehreren Perspektiven und findet immer wieder schöne Bilder. Da stehen etwa die Haare eines Mannes so vom Kopf ab,              „als ob er sie nachts in Strohhalme steckte“.                                                                              Die freundlichen, braunen Augen eines Arztes ruhen                                                               „auf wulstigen Tränensäcken, die wie zwei implantierte Raupen unter der Haut arbeiteten“                                                                                                                                     und eine Stimme klingt,                                                                                                                   „wie aus einer Tiefkühltruhe. Irgendwo zwischen Schweinebauch und Jumboshrimps lag sie mit ihrem Telefon und ihre Worte knackten vor Kälte. Ein leichter arktischer Wind ging hinter ihr, das Mikro ihres Handys verzerrte.“

Alles in allem weiß Hoeth einen vertrackten und dennoch schlüssigen Plot zu entwickeln. Er erzählt mit sacht sarkastischem Unterton eine bittere Kriminalgeschichte, die sich Stuttgart als Bühne nimmt, aber auch überall anders spielen könnte.

Thomas Hoeth: Erblast. Silberburg-Verlag. 280 Seiten, 9,90 Euro.

(c) Frank Rumpel

SWR2

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