David Peace: Tokio, besetzte Stadt

knvmmdb-75.dll1948 ist Tokio nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg noch vom amerikanischen Militär besetzt. Am 26. Januar dieses Jahres betritt ein Japaner eine Bank in Tokio. Er behauptet, er sei ein Arzt vom Gesundheitsamt und habe den Auftrag, alle Mitarbeiter zu impfen, weil in der Nähe jemand an Ruhr erkrankt sei. Alle 16 Angestellten der Bank trinken die beiden in Teetassen servierten Flüssigkeiten. Zehn von ihnen sterben noch vor Ort, zwei weitere kurz darauf im Krankenhaus. Vier überleben. Der Mann raubt nur einen Teil der Geldvorräte und kann unerkannt entkommen. Es beginnt eine groß angelegte Fahndung. Schließlich wird der Kunstmaler Sadamichi Hirasawa verhaftet, der die Tat zunächst gesteht, das Geständnis später aber widerruft. Das Gericht verurteilt ihn zum Tode. 1987 stirbt er 95-jährig im Gefängnis.

Das bis heute nicht aufgeklärte, reale Verbrechen lieferte die Vorlage für David Peace aktuellen Roman „Tokio, besetzte Stadt“, dem zweiten Teil seiner Tokio-Trilogie, in der er sich drei spektakulären Verbrechen im Japan der Nachkriegszeit widmet und dabei immer auch die jeweiligen Zeitumstände in den Fokus rückt. In einem Interview sagte David Peace:

Wenn man über Verbrechen schreibt, sollte das eigene Interesse daran über den puren Voyeurismus hinausgehen. Man kann zwar sagen, dass alle Verbrechen etwas über die Gesellschaft aussagen, in der sie geschehen, aber ich denke, manche Verbrechen sind eben auch viel mehr als das. Und für mich lieferte dieses Verbrechen die Möglichkeit, mich mit einer besetzten Stadt zu beschäftigen und zu sehen, was das für die Menschen bedeutete. Die Leute tranken die Medizin, weil sie glaubten, dieser Mann komme als Teil der Besatzer, der sie heilen oder sogar ganz vor der Krankheit bewahren würde. Sie vertrauten ihm und taten, was er wollte. Das hätte ohne die Besatzung nicht wirklich passieren können.

Der 1967 in Yorkshire geborene David Peace, der über fünfzehn Jahre in Tokio lebte und bisher acht Romane veröffentlichte, ist ein von seinem Stoff besessener Autor. Seine Romane sind düster, kompromisslos erzählt und handeln von Menschen, die in extremen Situationen an ihre Grenzen gelangen. „Tokio, besetzte Stadt“ macht da keine Ausnahme, wenngleich Peace die Abgründe seiner Figuren hier nicht ganz so tief auslotet, wie er es in anderen Büchern tat. Er nähert sich seinem Thema aus zwölf Perspektiven. Ein Kommissar kommt da zu Wort, ein Journalist, eine der Überlebenden oder ein amerikanischer Wissenschaftler. Einer berichtet in Briefen, ein anderer in Protokollen, Zeitungsartikeln oder erzählt, ungewöhnlich für Peace, auch einfach mal gerade heraus. Aber es findet sich auch jener fiebrige, auf Wiederholungen setzende und gelegentlich etwas zähe Peace-Ton.

„Bis gestern dachte ich, eine Tasse ist eine Tasse“,

sagt eine der traumatisierten Überlebenden.

„Bis gestern war ein Tisch ein Tisch. Ich dachte, der Krieg wäre vorüber. Ich wusste, wir hatten verloren. Ich wusste, wir hatten kapituliert. Ich wusste, wir waren ein besetztes Land. Aber der Krieg ist nicht vorüber. Eine Tasse ist keine Tasse. Medizin nicht Medizin. Eine Freundin keine Freundin, eine Kollegin keine Kollegin. Denn die Kollegin, die gestern am Schalter neben mir saß, ist heute nicht mehr hier. Denn ein Arzt ist kein Arzt. Ein Arzt ist ein Mörder. Denn der Krieg ist nicht vorüber.“

Peace schafft ein vielstimmiges Bild, das von der permanent durch hohe Stellen behinderten Jagd nach dem Mörder, den schwierigen Lebensbedingungen in der besetzten Stadt Tokio, aber eben auch vom Umgang mit der Wahrheit und alter Schuld erzählt. Leichter Stoff ist das nicht und vergnüglich zu lesen war Peace, der seine Themen haarklein recherchiert und in apokalyptischen Szenerien auszubreiten weiß, noch nie. Hier fügt er gekonnt Mosaiksteine aneinander, die das Bild einer, nach dem Krieg zutiefst verunsicherten Gesellschaft ergeben. Sein Blick dabei ist freilich ein pessimistischer. Für einen hoffnungsvollen Neubeginn bleibt da kaum Platz.

David Peace: Tokio im Jahr Null. Aus dem Englischen von Peter Torberg. Liebeskind-Verlag, 416 Seiten, 22 Euro. Taschenbuch bei Heyne, 9,99 Euro.

(c) Frank Rumpel

SWR2

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Krimikritik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.