Massimo Carlotto: Der Flüchtling

knvmmdb-31.dllMeine Vergangenheit war schweres Gepäck“, beginnt Massimo Carlotto seine autobiographischen Aufzeichnungen. Er beschreibt jene Jahre seines Lebens, die er nach eigenem Bekunden unschuldig im Gefängnis, auf der Flucht und von schwerer Krankheit gezeichnet in steter Ungewissheit lebte. 1976, als die terroristischen Roten Brigaden in Italien zum bewaffneten Kampf ansetzten, fand der damals 19-jährige Student Massimo Carlotto, der Mitglied einer linksradikalen Gruppe war, die mit 59 Messerstichen ermordete Studentin Margherita Magello. Er informierte die Carabinieri – und wurde prompt selbst unter Mordanklage gestellt. Zwar sprach ihn zwei Jahre später ein Schwurgericht aus Mangel an Beweisen frei, doch revidierte 1979 das Oberlandesgericht der Provinz Venedig dieses Urteil und verhängte 18 Jahre Gefängnis. Neun weitere Prozesse folgten, bis ihn schließlich im April 1993 der damalige Staatspräsident Oscar Luigi Scalfaro begnadigte.

Sechs Jahre saß Carlotto im Gefängnis, fünf verbrachte er auf der Flucht. Über sein Leben in dieser Zeit erzählt er in seinem in Italien 1994 erschienen Debüt. Mit 16-jähriger Verspätung liegt es nun auch auf Deutsch vor.

Als meine Anwälte mir mitteilten, der Antrag auf Revision sei von der nächsten Instanz abgelehnt worden und ich müsse mich entscheiden, ob ich abermals untertauchen oder aber für 15 weitere Jahre ins Zuchthaus gehen wollte, konnte ich erst mal nichts tun, als zu weinen. Haltlos. Dann ging ich wie erstarrt zum Bahnhof, kaufte eine Fahrkarte nach Paris und fuhr los. An diese Zugfahrt habe ich keinerlei Erinnerungen. Die Entscheidung zur Flucht war so unvorbereitet gekommen, dass mir jedes Bewusstsein dafür fehlte. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen, so sehr hatte mich die Nachricht von dem Urteil, mit dem ich nie und nimmer gerechnet hätte, erschüttert.

Der 1956 in Padua geborene Massimo Carlotto, der heute als Schriftsteller auf Sardinien lebt und sich auch hierzulande als Kriminalautor einen Namen gemacht hat, erzählt allenfalls am Rand von den Prozessmarathons und den Winkelzügen der Justiz, die diesen Fall zum so genannten „Caso Carlotto“ werden ließen, der heute Lehrstoff an Universitäten ist. Vielmehr ist „Der Flüchtling“ ein sehr persönlicher Blick zurück auf eine fünfjährige Flucht, bei der sich Carlotto immer wieder neue Identitäten zulegen und strenge, selbst auferlegte Sicherheitsregeln einhalten musste. Dabei war er ja kein abgebrühter Krimineller, sondern ein Schuldloser, der ins Exil stolperte und damit etliche Vorstellungen, die man von einem Leben im Untergrund haben mag, über den Haufen wirft. Seine Eltern unterstützten ihn finanziell, so dass er sich ein einigermaßen komfortables Leben leisten konnte. Zuerst in Paris, später in Mexiko-Stadt bewegte er sich in Exilanten- und Gewerkschafter-Kreisen. In Mexiko wurde er schließlich verhaftet und nach Italien ausgeliefert, wo er erfahren musste, dass niemand nach ihm suchte.

Welch ein Schlag war es, als sich erwies, dass es gar keinen Haftbefehl gab, dass auch nicht international nach mir gefahndet wurde. Jahrelang hatte ich gelebt wie ein gehetztes Tier, dabei hatte mich niemand je gesucht, nicht einmal zuhause in Italien. Der guten Form halber brachten sie mich ins städtische Gefängnis, wo mir nach dreizehn Tagen der Haftbefehl präsentiert wurde. Endlich. Sonst hätte ich allmählich gedacht, ich hätte all die Verhandlungen vorm Schwurgericht nur geträumt.

Carlotto drückt nicht auf die Tränendrüse. Im Gegenteil: Er betrachtet sich selbst mit ironischer Distanz, weiß spannend und pointiert zu schreiben. Er erzählt von den Mühen des Alltags, von Liebschaften unter erschwerten Bedingungen, von haarsträubenden Momenten und dem Glück des Flüchtigen, von den kleinen, kulinarischen Fluchten, von Verzweiflung und Solidarität und immer wieder vom Tod. Nicht zuletzt dem eigenen, den er 1991 angesichts einer neuerlichen Verurteilung minutiös plante, für den Fall, dass er nicht begnadigt werden würde. Carlotto ist ein eindringlicher Text gelungen, der leichtfüßig von einem Leben erzählt, das um ein Haar im juristischen Niemandsland sein Ende gefunden hätte.

Massimo Carlotto: Der Flüchtling. Aus dem Italienischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Tropen-Verlag, 184 Seiten, 18.90 Euro.

(c) Frank Rumpel

SWR2

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