Pete Dexter: God’s Pocket

knvmmdb-48.dllLeon Hubbard starb am ersten Montag im Mai zehn Minuten nach Beginn der Mittagspause auf der Baustelle der neuen einstöckigen Unfallstation des Holy Redeemer Hospitals in South Philadelphia. Auf die eine oder andere Art hätte er ohnehin seinen Job verloren.

Mit diesen lakonischen Sätzen beginnt Pete Dexters Roman „God’s Pocket“. Leon Hubbard, ein junger Mann mit ernsthaften psychotischen Störungen ist eine echte Nervensäge. Denn Leon fuchtelt ständig mit einem Rasiermesser herum, das ihm Ego und Männlichkeit suggeriert. Sein Stiefvater Mickey, der für die Fleischmafia arbeitet und Restaurants beliefert, besorgt ihm über Beziehungen einen Hilfsarbeiterjob auf einer Baustelle. Als Leon dort zu weit geht und den schwarzen Maurer Lucien mit seinem Messer bedroht, erschlägt der ihn mit einem Eisenrohr. Die anderen Arbeiter decken Lucien und behaupten, vom Kran habe sich ein Bolzen gelöst und der sei Leon auf den Kopf gefallen.

Leons Mutter Jeannie glaubt nicht an diese Version und bittet den Starreporter Richard Shellburn, der Sache auf den Grund zu gehen. Doch Shellburn hat die besten Jahre hinter sich, ist ein Säufer, der vor allem sich selbst im Blick hat. Derweil versucht Mickey, das Geld für die Beerdigung seines Stiefsohns zusammen zu bekommen, was nicht einfach ist, da zwischen den Mafia-Clans ein Revierstreit ausgebrochen ist.

Es gibt noch eine ganze Reihe weiterer Erzählfäden und irrwitziger Verwicklungen, die Pete Dexter in seinem Noir- Roman intelligent und mit viel Geschick zu einer hoch spannenden Geschichte verwebt. Bei ihm entwickelt sich daraus ein konzentriertes, wenig schmeichelhaftes Portrait der amerikanischen Gesellschaft, wuchtig, brutal und in seiner Ausweglosigkeit ziemlich düster. Daran ändert auch der immer wieder aufblitzende, grimmige Humor nichts, braucht es doch auch dafür eine gewisse Harthäutigkeit. Dexter ist nah dran an seinen Figuren, hat ein sicheres Gespür für deren emotionale Befindlichkeiten und lässt einen so immer wieder ein gutes Stück weiter in Abgründe und Sackgassen menschlicher Psyche blicken, als einem lieb sein mag.

Der heute 67-jährige Pete Dexter, der für seinen Roman „Paris Trout“ 1988 in den USA den National Book Award bekam, ist ein gewiefter, sprachlich versierter Autor, der häufig dieselbe Szene aus dem Blickwinkel zweier Beteiligter erzählt, der eine Wendung vorweg nimmt und die Geschichte dazu nachliefert, die Szene auffächert und von allen Seiten beleuchtet. Seine Romane sind intensives und ziemlich ungemütliches Kopfkino.

„God’s Pocket“ war Dexters Debüt, das er 1983 als damals 40-jähriger veröffentlichte. In dieser Geschichte klingen auch Ereignisse seines eigenen Lebens an. Denn Dexter hatte über 15 Jahre lang als Journalist gearbeitet und war in Philadelphia bei Recherchen von einem Mob krankenhausreif geschlagen worden. Eine ähnliche Szene mit weit tragischerem Ausgang findet sich auch im Roman. Dexter gab seinen Beruf auf und wandte sich der fiktiven Form zu. Acht Romane hat er seither geschrieben und ist auch als Drehbuchautor gefragt. God’s Pocket übrigens ist ein fiktives Arbeiterviertel in Philadelphia.

Es gab Leute in Fishtown, Whitman und im Pocket, die nie woandershin fuhren. Die eher in einen Bus nach Kuba als in einen nach Center City steigen würden. Die gegenseitig ihre Schwestern heirateten und die Geschäfte der anderen kannten. Es waren nicht viele, aber sie waren die härtesten Nüsse, wenn ein Außenstehender hinzu kam. Jeanies Familie war so eine gewesen. Sie hatte Mickey erzählt, dass ihr Vater sie nie hatte tanzen sehen, weil die Tanzschule nicht in God’s Pocket lag. Ihre Schwestern hatten Jungs aus der Nachbarschaft geheiratet und sich in den Häusern ihrer Eltern niedergelassen. Joyce nahm ab und an den Bus zum Supermarkt und fuhr jedes Jahr einen Monat an die Küste. Joanie war die Älteste und verließ God’s Pocket nie.

Pete Dexter ist ein eindringlicher Roman gelungen über das von Gewalt geprägte Leben in einem Arbeiterviertel Philadelphias, der auch 27 Jahre nach seinem ersten Erscheinen nichts von seiner Frische und Vehemenz verloren hat.

Pete Dexter: God’s Pocket. Aus dem Englischen von Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt. Liebeskind-Verlag, 368 Seiten, 22 Euro. Fischer, 9,99 Euro.

(c) Frank Rumpel

SWR2

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