Uta-Maria Heim: Totenkuss

knvmmdb-57.dll„Scheißdreck liadriger. Da zieht’s dir doch die Schuh aus mitsamt den Socken.“       Der rote Karle saß in Mariabronn am Küchentisch, in Trainingshose und Rippenunterhemd, und blätterte im ‚Schwarzwälder Merkur’, einem dem Verderben anheim gegebenen Käsblatt.                                                                                               „Hast du das gelesen?“, rief Karle und haute mit dem Handrücken gegen die Zeitung, „der Hahnke Olaf ist aus Stammheim ausgebrochen.“

Dieser Olaf Hahnke, von dem der rote Karle, ein 86-jähriger, unverbesserlicher DKPler hier liest, ist ein Serienmörder, der drei Frauen umgebracht hat und in der Nachbarschaft aufwuchs. Sein Ausbruch scheucht all jene auf, die mit ihm zu tun hatten. Da ist einmal der ebenfalls aus der Gegend stammende Kripo-Kommissar Timo Fehrle, den ein Fall nicht mehr los lässt. Zwei Jahre zuvor war eine in den Siebzigern in Stuttgart gefundene, auf drei Koffer verteilte Leiche, als die seines damals ermordeten Jugendschwarms Petra Clauss identifiziert worden. Hahnke wurde zwar verdächtigt, hatte diesen Mord, den er als Jugendlicher begangen haben müsste, aber nie gestanden. Fehrle kannte den etwa gleichaltrigen Hahnke damals und weiß mehr über die Tat, als er sich eingestehen will.

Rosa Fix, die 83-jährige Schwester vom roten Karle, hat ihre ganz eigene Theorie. Hahnke eiferte dem Mörder Heinrich Pommerenke nach, dessen Opfer sie als Krankenschwester in der Pathologie noch selbst auf den Tisch bekommen hatte. Den Mord an der jungen Petra Clauss haben, so ihre These, Fehrle und Hahnke gemeinsam begangen. Schuld an allem ist der Aberglaube vom Totenkuss. Auch Fehrles Kollegin Anita Wolkenstein glaubt, dass Fehrle etwas mit dem Mord an Petra Clauss zu tun hat. Hahnke hat sich derweil in die Toskana abgesetzt und ahnt noch nicht, wie viel alte Heimat auch dort zu finden ist.

Das sind längst nicht alle Figuren, die hier in Mitleidenschaft gezogen werden. Uta-Maria Heim fährt für diesen Band, der thematisch eine ganze Reihe voran gegangener Romane zusammen führt und abschließt, ein großes Ensemble auf, das sie mit spielerischer Leichtigkeit mit Leben zu füllen weiß. Jede Figur muss sich hier mit Lasten aus der Vergangenheit auseinandersetzen, die durch die Ereignisse an die Oberfläche gespült werden. Für einige entwickeln diese Erinnerungen eine existentielle Wucht. Kaleidoskopartig fächert die Autorin ihre Geschichten auf, lässt sie einem Punkt zulaufen, den sie immer wieder geschickt ein Stückchen verschiebt.

Uta-Maria Heim langt in ihrem 14. Kriminalroman richtig zu. Da wird auf- und abgeräumt, alte Geschichten mit aller Konsequenz zu Ende geführt. Und das freilich nicht bierernst, sondern mit bissigem, schwarzen Humor, wunderbar eingebettet in eine bodenständige Thriller-Handlung und ohne ihre Figuren dem Klamauk preis zu geben. Sprachlich spürt sie dem Dialekt ihrer Schwarzwälder Heimat präzise nach, hat ihn für die Erzählstimme, wie für ihr Personal etabliert und nutzt dessen Eigenwilligkeit, um ihre Geschichte nicht nur zu verorten, sondern den Figuren eine Facette mehr zu geben.

Rosa stand im Hausgang, wo es nach Moder und fauligen Kartoffeln roch und staubte das Jesulein ab. Während sie der Gottesmutter mit dem Staublappen zu Leibe rückte, bruddelte sie vor sich hin. Wonnemonat, dass ich nicht lache! Das kann doch keine Sau aushalten, binnen einer Woche ist die Kirschblüte hin, dann die fleischigen Tulpen und die Äpfel und die Rossbollen. Alles vergeht ums Mal, der Flieder rostet, die Madonna jault und wenn die Kastanienkerzen verrecken, dann hast du Geburstag.

Es ist ein wildes, gelegentlich widerborstiges, weil vielstimmiges Stück Literatur, das die SWR-Hörspieldramaturgin Uta-Maria Heim da geschrieben hat, ein Roman, mit dem sie der allzu oft bräsigen, aufs sinnfreie lokale Detail versessenen Regionalkrimisparte gehörig den Marsch bläst, indem sie mal wieder zeigt, wie weltläufig die oft geschmähte Provinz doch sein kann, was für intelligent komponierte, mit sehr menschlichen Geschichten prallvoll gepackte Bücher sich mit diesem vermeintlich vernagelten regionalen Ansatz doch schreiben lassen.

Uta-Maria Heim: Totenkuss. Gmeiner-Verlag, 279 Seiten, 9,90 Euro

(c) Frank Rumpel

SWR2

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