Ingvar Ambjörnsen: Teilweise abwesend

knvmmdb-81.dllDer Tod ist in diesen sieben Erzählungen des norwegischen Autors Ingvar Ambjörnsen allgegenwärtig. Zu sagen, seine Figuren umwehe ein Hauch von Melancholie, wäre grandios untertrieben. Sie sind durchtränkt davon, machen zumeist einen recht entrückten Eindruck. In nahezu allen Geschichten geraten sie an einen Punkt, an dem sie aus der Welt zu kippen drohen, ab dem sie nicht mehr gesellschaftsfähig sind, sich ausklinken, sich reduzieren, einem Gefühl nachgeben, das sie endgültig zu einsamen Existenzen macht. Verpackt hat der seit über zwanzig Jahren in Hamburg lebende Ambjörnsen das in vielschichtigen, eindringlichen Erzählungen mit meist recht eigenwilligem Personal.

In „Neue Räume“ reißt ein Wohnungseinbruch den Ich-Erzähler endgültig aus seinen bisherigen Koordinaten. Der Witwer tat sich schwer damit, weiter in der gemeinsamen Wohnung zu leben. Als er diese eines Abends völlig zerstört vorfindet, den Gedanken nicht erträgt, dass Fremde in sein Privates eingedrungen sind, fällt er aus seinem bisherigen Mittelschichts-Dasein, zieht in eine verfallene Villa an den Bahngleisen, lebt von seinen Ersparnissen. „Jetzt hatte ich fast nichts mehr zu verlieren, als das Leben selber. Ich wusste nicht, ob es für mich jetzt mehr oder weniger wert war, aber etwas war anders. Getrennt von den Gegenständen war ich zu einem Mann geworden, der sich sicherer fühlte. Oder vielleicht einfach nur zu einem um einiges gleichgültigeren.“ Als er sich einigermaßen eingerichtet hat in diesem Leben, katapultiert ihn ein Schock-Ereignis auch aus dieser Welt: Das abgelegene Haus wird von Pädophilen genutzt.

In „Die Tauben“ erfindet sich einer eine Parallelexistenz, lernt eine Frau kennen, macht sie zum Teil dieses Lebens und stößt damit gleichzeitig an dessen Grenzen. „Der Berg ruft“ erzählt von einem Hedonisten, der mit seiner Schwester und deren Sohn auf der Heimfahrt einen Stopp in einem Berghotel machen muss. Die Hauptattraktion: Am Fels gegenüber hängt ein verunglückter Basejumper. Sein Fallschirm hat sich beim Sprung von der Felskante verheddert. Im Hotel machen die Drei die Bekanntschaft eines blinden Lebemannes, der das Ereignis nur peripher wahrnehmen kann, ebenso wie der Junge, der von den Ereignissen eigentlich nichts erfahren soll. Alle anderen hadern mit der eigenen Sensationsgier. In der titelgebenden Geschichte „Teilweise abwesend“ gerät ein verunfallter Autofahrer vom Regen in die Traufe, denn gerettet wird er von einem Paar, das seinerseits Schwierigkeiten hat. In deren Wohnzimmer steht regungslos ein fremder Junge mit einem Stock in den Händen, gewaltbereit, aber auf Stand-By.

Ambjörnsen braucht nur ein paar Zeilen, um seinen facettenreich angelegten Figuren Kontur zu geben. Er erzählt mit viel Gespür für deren innere Befindlichkeiten. Die Geschichten kommen ruhig und unspektakulär daher, doch sind die lapidar geschilderten Situationen mindestens ungewöhnlich, gelegentlich skuril. Allesamt stellen sie das vermeintlich Normale, Alltägliche in Frage.

„Wir klopften Schnee von unseren Fliegeranzügen und gingen weiter ins Nichts hinaus“, heißt es in der Erzählung „Ein anderer Stern“, in der zwei Freunde an Weihnachten auf LSD just da enden, wo sie auf keinen Fall hin wollten: Im Kreis einer Familie. „Wir hatten keine Ahnung, wo wir waren, wir wussten nur, dass wir uns ein gutes Stück außerhalb des sozialdemokratischen Kontrollsystems befanden, in dem zwei und zwei die schlimme Tendenz hatten, als vier zu enden.“ Es ist dieser leise, sämtliche Geschichten durchziehende Humor, der die Melancholie der Protagonisten dann doch wieder ganz erträglich macht.

Ingvar Ambjörnsen: Teilweise abwesend. Erzählungen. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs. 190 Seiten, Pendragon-Verlag, 9.90 Euro.

(c) Frank Rumpel

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