Detlef Blettenberg: Murnaus Vermächtnis

knvmmdb-62.dllIn der Trockenzeit taumeln die Flughunde wie dunkle Schmetterlinge durch die Dämmerung.“

Detlef Blettenberg ist weit herum gekommen in der Welt. Über zwanzig Jahre arbeitete er für die deutsche Entwicklungshilfe, war ab den siebziger Jahren in Ecuador, Thailand und Nicaragua, bereiste Lateinamerika, den Nahen Osten, Afrika und Asien. In einem Interview sagte der heute 61-jährige einmal: „Wer nichts erlebt, hat auch nichts zu erzählen.“ Während sich die meisten mit so einem Satz wohl ziemlich in die Nesseln setzen würden, zeigte der dreifache Krimipreisträger Blettenberg, der seit 1994 als freier Schriftsteller und Drehbuchautor in Berlin lebt, in den vergangenen fast 30 Jahren in bisher elf Romanen, Erzählungen und Reportagen, was er damit gemeint hatte. Seine genremäßig schwer einzuordnenden Bücher spielen an Orten, die er gut kennt, in Thailand, in Nicaragua, in Ecuador, in Ost- und Süd-Afrika und jetzt eben in Ghana, wo er zuletzt ein Jahr arbeitete. Bei ihm sind die Schauplätze nicht exotische Kulisse, sondern kenntnisreich vermittelte Lebenswelten.

In Accra geht man früh zu Bett und kommt mühelos auf acht Stunden Schlaf, vorausgesetzt, man deckt sich vorher mit einem ausreichendem Quantum Bier oder einem ähnlichen Betäubungsmittel ein, um die gröbsten Störfaktoren auszuschalten. Allen voran den ekstatischen Gospelgesang, in dem sich bis tief in die Nacht in zahllosen Kirchen Accras christliche Inbrunst mit afrikanischem Geisterglauben paart. Gegen fünf Uhr morgens wird Afrika wach. Die vielfältige Vogelwelt legt los. Selbst kleinere Spielarten schreien mit ungeahnter Kraft den hellen Tag herbei. Hähne oder Gockel krakeelen mit geballter Potenz dazwischen. Ziegen meckern, Hunde bellen. Und auch die Menschen machen wieder lautstark auf sich aufmerksam. Die Temperaturen sind über Nacht auf ein erträgliches Maß gesunken, aber ab sechs Uhr meldet sich die Sonne langsam und unerbittlich zurück.“

Der ehemalige Fremdenlegionär Viktor Voss, Spross eines Ghanaers und einer Deutschen, arbeitet in Ghana als Tourguide. Als ein Deutscher namens Albin Grau seine Dienste in Anspruch nimmt, gerät er in eine wilde Geschichte, die sein Leben auf den Kopf stellt. Voss soll mit Grau nach Norden in die Volta-Region, das ehemalige Deutsch-Togo reisen, um ein verschollenes Meisterwerk des deutschen Stummfilmregisseurs Friedrich Wilhelm Murnau aufzuspüren, den Albin Grau dort vermutet. Dieser Albin Grau hat einiges mit Murnaus Vampirfigur Nosferatu gemein. Seine Schneidezähne erinnern die Einheimischen an das Gebiss eines in Ghana weit verbreiteten Nagers. Zudem scheint er kein Spiegelbild zu haben. Und Albin Grau ist auch nicht sein richtiger Name. Der echte Herr Grau war Murnaus Produzent, der sich später dem Okkultismus zuwandte.

Auf der Tour wird Grau ermordet, wenige Tage später auch Voss’ Mutter, eine Drehbuchautorin, die gern zum Arbeiten nach Accra kam. In ihrem Nachlass findet Voss ein Manuskript. Sie hatte an einer Biographie über Murnau gearbeitet. Gleich mehrfach stolpert der Ich-Erzähler also in kurzer Zeit über den Namen des deutschen Stummfilmregisseurs, der eigentlich Plumpe hieß, sich dann aber nach einem bayrischen Ort benannte, 21 Filme drehte, von denen heute neun als verschollen gelten und der 1931 in Kalifornien bei einem Autounfall ums Leben kam. Der immer wieder von Malariaanfällen heimgesuchte Voss macht sich in Accra, Berlin, Brandenburg und Tunis auf die Suche nach dem Film und muss sich dabei weit mehr mit seiner eigenen Vergangenheit auseinandersetzen, als ihm lieb ist.

 „Und Sie wissen tatsächlich nicht, wer Murnau ist?“, hakte Grau nach.                              „Ich kenne nur einen Ort in Oberbayern, der so heißt.“                                                       Grau verzog belustigt den Mund.                                                                                               „Aber nach dem, was Sie erzählt haben, vermute ich, es handelt sich um den Stummfilmer, der Nosferatu gedreht hat.“                                                                             „Nicht nur den. Sein letzter Film hieß übrigens Tabu. Friedrich Wilhelm Murnau ist zwar in Deutschland nicht mehr so bekannt, wie ein Fritz Lang oder Georg Wilhelm Pabst, war aber ohne jeden Zweifel einer der ganz Großen.“                                                              „Und was ist Ihr Beruf, Herr Grau?“                                                                                           „Auf meiner Visitenkarte steht Filmkaufmann. Aber es gibt Leute, die behaupten, ich wäre nichts anderes, als ein Schatzjäger.“                                                                                  „Und – ist da was dran?“                                                                                                                   Er trank seinen Gin. „Ich sehe mich eher als Sammler.“                                                  „Apropos Tabus, Verbote und ihre Übertretung. Schon deshalb sollten Sie sich mal eingehender mit Murnau beschäftigen. Da würden sich ganz neue Welten für Sie auftun. Er hat Tabu unter teilweise mysteriösen Umständen in der Südsee gedreht. Und so manches, was ich hier über Juju [also Voodoo] höre, unterscheidet sich kaum von Murnaus Erlebnissen in Polynesien.“                                                                                        Der Alkohol konnte noch nicht für den Glanz in Graus Augen sorgen. Es war die pure Begeisterung.

Was sich zunächst wie eine ziemlich konstruiert wirkende Schatzsuche ausnehmen mag, fächert Blettenberg auf knapp 600 Seiten zu einer unglaublich weitläufigen Erzählung auf, in der thematisch unter anderem die wechselvolle Geschichte Ghanas, Geisterglaube, obskure Sektiererei und Inzest ebenso Platz finden, wie etwa die Geschichte der Fliegerpionierin Hanna Reitsch, die mit den Nazis gut konnte und in Ghana später eine Segelflugschule aufbaute, die Geschichte von Werner Herzogs in Ghana gedrehtem Film „Cobra Verde“ mit dem exzentrischen Klaus Kinski oder eben jene des Regisseurs Friedrich Wilhelm Murnau und dessen schwierige Dreharbeiten zum Film „Tabu“ auf Bora Bora. Der Autor verknüpft motivisch und inhaltlich intelligent, was sonst allenfalls nebeneinander gepasst hätte. Zusammen gehalten wird das alles von der Jagd auf Murnaus verschollenen Film „Four Devils“. Blettenberg vermengt Fakten und Fiktion, erzählt von realen Figuren und lässt von gut erfundenen erzählen, spielt geschickt mit Lesererwartungen und macht daraus auch sprachlich ganz unaufgeregt eine hoch komplexe und dennoch schlüssige Geschichte, die ganz ohne waghalsigen Verschwörungsklimbim auskommt.

Er erzählt von allzu großen Lebenslügen, die sich partout nicht verdrängen lassen, von Gier und immer wieder – gelegentlich auch eine Spur zu viel – von Begierde, von Intrigen und der Macht des Zufalls, der in einem Land, in dem Voodoo noch immer eine wichtige Rolle spielt, je nach Blickwinkel irdischen oder göttlichen Ursprungs sein kann. In einem Interview sagte Blettenberg: „Ich schreibe Romane, die hoffentlich unterhaltsam und spannend sind.“ Sind sie. Mit „Murnaus Vermächtnis“ hat er einiges gewagt – und gewonnen.

D.B. Blettenberg: Murnaus Vermächtnis. Dumont, 575 Seiten, 9,99 Euro.

(c) Frank Rumpel

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