Monika Geier: Die Herzen aller Mädchen

knvmmdb-50.dllBettina Boll ist Halbtagskommissarin in Ludwigshafen, die sich parallel zu ihrem Job um ihre beiden Kinder zu kümmern versucht. Beides unter einen Hut zu bringen, fällt ihr diesmal besonders schwer, weil sie ans BKA abgeordnet wird und am besten immer verfügbar sein sollte. Das BKA arbeitet an einem Fall, in dem es anscheinend um eine mittelalterliche Handschrift geht, auf der Reste eines verschollenen Ovid-Dramas entdeckt wurden. Die Handschrift gehört einer Privatbibliothek. Ein anonymer Spender hatte sie ihr vermacht. Die Polizei allerdings hat deren Kurator Gregor Krampe, Sohn eines berühmten Autors von Spionageromanen, im Verdacht, das Buch irgendwo geklaut zu haben, um es seiner Sammlung einzufügen. Auch als dessen Mutter durch eine Paketbombe schwer verletzt wird, gehört er zunächst zum Kreis der Verdächtigen. Boll soll den Kurator aus der Reserve locken, verliebt sich aber und verbringt mit ihm just die Nacht, in der das Manuskript aus der Privatbibliothek gestohlen wird, was den Fall für sie nicht eben einfacher macht.

Es ist der fünfte Auftritt von Bettina Boll. Monika Geier hat ihre Kommissarin weiter entwickelt und sie in diesem Roman noch klarer konturiert, indem sie sie aus ihren bisherigen Strukturen reißt. Ihr Arbeitskollege Willensbacher verlässt das Dezernat. Sie ist dem BKA unterstellt, genießt die Vorzüge einer übergeordnet arbeitenden Behörde und darf sich doch nur um ein loses Ende der Geschichte kümmern. Sie soll sich in der Privatbibliothek herumtreiben und zusammen mit einer Miss-Marple-haften Versicherungsdetektivin vor allem Präsenz zeigen. Das ist ihr deutlich zu wenig, zumal man ihr zwar reichlich Informationen zur Verfügung stellt, den Kern der Geschichte aber offensichtlich außen vor lässt.

Für eine Halbtagskraft sind die Probleme da vorprogrammiert und so changiert Boll zwischen mehreren Leben, versucht bei ihren Kindern zu sein, ihren in der Schule auffällig gewordenen Sohn zu verstehen, ihre chaotische Gefühlswelt und ihren Job zu managen. Diese tägliche Achterbahnfahrt vermittelt Monika Geier mit reichlich handfestem Humor und dem Blick fürs Detail. Ihre Kommissarin ist ziemlich glaubhaft. Allein: Sie ermittelt mit viel, gelegentlich mit zu viel Intuition, trifft manche Entscheidung vorschnell und impulsiv. Das bringt die Geschichte gelegentlich etwas ins Wanken.

Geier lässt sich Zeit, lässt ihre Leser, wie ihre Kommissarin lange im Dunkeln tappen. Sie arbeitet sich Schicht für Schicht tiefer in die erst allmählich Fahrt aufnehmende Geschichte hinein, deren Ursprung in den Sechzigern liegt, als Krampe Senior, damals noch Journalist beim Spiegel, in Italien recherchierte. Geier wechselt behutsam die Perspektive, erzählt sprachlich versiert, leichtfüßig, mit einem sicheren Gespür für Situationskomik, Dramaturgie und überraschende Wendungen. Ihre Figuren zeichnet sie mit viel Sinn fürs doppelbödige Detail. Da erkennt Bettina Boll, dass die hübsche Privatangestellte des Bibliothekenbesitzers, die einen schnittigen Vector fährt, wohl auch nur ein Liebhaberobjekt ist, „charmant, gebildet, aber nicht den ganzen Raum füllend, ein Mensch mit Platz für andere, für Rätsel“. Als Boll den Kurator der Bibliothek darüber informiert, dass die Polizei wohl den ursprünglichen Besitzer des Manuskriptes ausfindig gemacht hat, lässt das durch die Fenster einfallende Frühlingslicht sein Gesicht „knittrig“ wirken. „Er sah niedergeschlagen aus, bleich wie etwas, das zu lange im Keller gelegen hatte.“ Alles in allem eine komplexe, unterhaltsame und gekonnt erzählte Geschichte. Geiers bisher bester Roman.

Monika Geier: Die Herzen aller Mädchen. Roman. Argument Verlag, 351 Seiten, 11 Euro.

(c) Frank Rumpel

http://www.culturmag.de

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Krimikritik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.