Paco Ignacio Taibo II: Der Schatten des Schattens

knvmmdb-80.dllEin Dichter, der sein Geld mit Werbesprüchen verdient und während der mexikanischen Revolutionsjahre neben dem Guerillero Pancho Villa kämpfte, ein Journalist, der seine Arbeit „als letzte Barriere zwischen der Zivilisation und der Barbarei“ betrachtet, ein halbseidener Anwalt, der vor allem Prostituierte vertritt, und ein in Mexiko geborener, chinesisch-stämmiger Gewerkschafter, der hartnäckig jedes R für ein L nimmt – das sind die Protagonisten in Paco Ignacio Taibo II’s gelungenem Roman „Der Schatten des Schattens“. Die vier verbindet ihre Liebe zum Domino-Spiel und einem Gläschen Tequilla genauso, wie ihr Hang zum Räsonieren und ihr gesundes Gerechtigkeitsempfinden. Das brauchen sie auch, spielt der Roman doch Anfang der 20er Jahre im nachrevolutionären Mexiko, in denen sich die Gewerkschaften formieren und zusammen mit anarchistischen Gruppen immer wieder gegen die bestehenden Verhältnisse aufstehen. Denn die Umsetzung etlicher revolutionärer, schließlich auch in die Verfassung aufgenommene Forderungen, etwa für mehr Arbeiterrechte und eine weitreichende Bodenreform, ließen auf sich warten, zumal Korruption und Machthunger in den Reihen von Politikern, Polizei und Militär für unruhige Zeiten sorgten.

Von Mal zu Mal wurde es schwieriger, die Gedanken auf das Dominospiel zu konzentrieren. Zu merkwürdig waren die Vorfälle, in welche sich die Spieler in rätselhafter Weise verstrickt sahen und die das Gespräch am Marmortisch bestimmten. Die Konversation soll im Plauderton um das Spiel kreisen, ohne wirklich bedeutsam zu werden. Man redet, sagt aber nicht viel. Man blufft, scherzt, spielt mit Worten. Das Gesagte darf aber nicht den Ton angeben. Aus diesem Grund kann unmöglich ein gutes Spiel zustande kommen, wenn über den Spielsteinen drei Morde, eine gerettete Chinesin, der Bericht über einen seltsamen Geschlechtsverkehr und das Geräusch des Regens auf der Madero-Straße schweben. Die Freunde versuchten dennoch ihr Bestes. Der Wirt spürte ihre Anspannung und leichte Gereiztheit. Er führte sie auf den Regen zurück, den Mieterstreik, der die Stadt in Atem hielt, die Wettergebnisse bei den Rennen, die Grippe-Epidemie.

Der Dichter Fermin Valencia beobachtet, wie beim Konzert einer Militärkapelle am helllichten Tag der Posaunist erschossen wird. Kurz darauf wird der Journalist Pioquinta Manterola Zeuge, wie aus dem Gebäude gegenüber seiner Redaktion ein Oberst zu Tode stürzt. Die beiden Toten waren Brüder und kannten zudem dieselbe Frau, eine Witwe, die wohl ihren Mann auf dem Gewissen hat und auch in diese beiden Fälle verwickelt ist. In der Folge überschlagen sich die Ereignisse, weil die Freunde ob ihrer Nachforschungen, zu denen jeder seinen Teil beiträgt, selbst in die Schusslinie geraten und gleich mehrfach ihr Leben teuer verkaufen müssen, ohne zu wissen, wer genau und weshalb hinter ihnen her ist. Erst allmählich verdichten sich die Hinweise, dass die vier ohne es zu wissen, einer Verschwörung auf der Spur sind, die es auf die Ölreserven des Landes abgesehen hat. Die Verschwörer, erklärt der Dichter seinen Freunden, „sind ein Schatten ohne klares Profil, ohne erkennbare Absicht und wir, die wir ihnen aufs Geratewohl folgen, wie verirrte Kinder, spielend und stolpernd, sind der Schatten dieses Schattens.“

Taibo verflicht hier geschickt fiktive mit realen Figuren und Ereignissen. So sind seine vier Protagonisten zwar erfunden, doch haben etliche andere Figuren aus seinem Roman tatsächlich gelebt und auch den Verschwörungsplan zwischen einem Militär und US-Ölbaronen, die sich die mexikanischen Ölvorkommen sichern wollten, gab es wirklich. Die daraus entstandenen Turbulenzen führten schließlich Ende der dreißiger Jahre zur Verstaatlichung der mexikanischen Erdölindustrie.

Bekannt wurde der bereits vielfach ausgezeichnete Taibo mit seinen gesellschaftskritischen Kriminalromanen um den, in der Megapolis Mexiko-Stadt ermittelnden, baskisch-irischen Detektiv Héctor Belascoarán Shayne, mit denen er das Krimigenre in Lateinamerika erneuerte. Spätestens seit seinem 1990 erschienenen Opus magnum „Vier Hände“ kann man ihn ohne weiteres zu den großen, lateinamerikanischen Autoren zählen. Seine Romane sind intelligent konstruiert, dicht, sprachmächtig und phantasievoll, dabei leichtfüßig mit Fakt und Fiktion spielend, geprägt von einem anarchischen Humor, zudem stets lebendig und sinnlich. Als Autor, fasste er einmal seinen Anspruch zusammen, müsse man mit der Geschwindigkeit des Kinos und des Fernsehens konkurrieren und dennoch „die Literatur mit den literarischen Mitteln verteidigen“.

Diese Partie Domino musste gespielt werden, dabei ging es nicht so sehr um das Spiel, sondern darum, die Kontrolle über diese seltsame Geschichte zu gewinnen, in die sie verwickelt waren. Es war wie bei einem Theaterstück, bei dem ein zerstreuter Regisseur vergessen hatte, die Rollenbücher an die Schauspieler auszuhändigen, die sich in Dialoge, Morde, Feste, Orgien und Gesänge verwickelt sahen, ohne dass klar wäre, wen sie eigentlich darstellen sollten. Der Dichter war sich der Situation bewusst und er begab sich ohne weitere Vorreden direkt zu dem Tisch.                                                                                                                                   „Kommen Sie laus, meine Hellen“, sagte Tomás, der den Doppel-Sechser in die Mitte legte.                                                                                                                                      „Gehen wir in die Offensive“, sagte der Anwalt Verdugo und legte den 6er/4er an. „Doppel-Vier“, sagte der Poet. „Nur ein Anfänger spielt bei der ersten Gelegenheit einen Doppelstein“, grummelte Manterola.

Der heute 61-jährige Taibo emigrierte 1958 mit seinen Eltern auf Druck des Franco-Regimes vom spanischen Gijón nach Mexiko und erlebte zehn Jahre später als Student in Mexiko-Stadt das Massaker am Tlateloco-Platz mit, bei dem einige hundert Demonstranten getötet wurden, die für mehr Demokratie auf die Straße gegangen waren. Dieses Ereignis politisierte ihn nachhaltig. Als Autor widmete er sich nicht nur in seinen Romanen, sondern auch in zahlreichen Sachbüchern einigen lateinamerikanischen Revolutionären des 20. Jahrhunderts. Seine Biographie über Che Guevara machte ihn international berühmt.

Aber Taibo ist in erster Linie ein begnadeter Erzähler und das zeigt er auch in diesem, im Original bereits 1986 erschienenen Roman, der eine wilde, abenteuerliche Kriminalgeschichte enthält und gleichzeitig von den ebenso hoffnungsvollen, wie bitteren Jahren nach der mexikanischen Revolution erzählt.

Paco Ignacio Taibo II: Der Schatten des Schattens. Aus dem Spanischen von Harry Stürmer. Assoziation A, 228 Seiten, 18 Euro.

(c) Frank Rumpel

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