David Peace: Tokio im Jahr Null

knvmmdb-73.dllDas Geräusch eines fahrenden Zuges zieht sich durch den ganzen Roman, der im zerbombten Tokio des Jahres 1946 spielt. Meist hallt es nur im Kopf von Inspektor Minami, des Protagonisten und Ich-Erzählers im neuen Roman von David Peace wieder. Begleitet wird dieses Geräusch von immer wieder kehrenden Gedanken, Gesprächsfetzen, Liedern, Erinnerungen, die Minami verdrängt zu haben glaubte, Erinnerungen, die ihm den Schlaf rauben, die Paranoia und Wahn im Gepäck haben. Denn Inspektor Minami war als Unteroffizier im japanisch-chinesischen Krieg. Mit dem Zug wurden sie zum Einsatzort gebracht, wo er an etlichen Greueln beteiligt war. Nach seiner Rückkehr kam Minami über Beziehungen und unter falschem Namen in den Polizeidienst.

„Niemand ist der, der er zu sein vorgibt“, ist dann auch das Mantra, das da unaufhörlich in seinem Kopf mahlt, Misstrauen, Wut und Angst sät.

Diese gebrochene, aufgeriebene Figur reiht sich perfekt ein ins Ensemble jener kaputten Charektere, mit denen sich der 1967 im nordenglischen Yorkshire geborene David Peace offenbar am liebsten beschäftigt. Das zeigte er bereits in den vier Romanen „1974“, „1977“, „1980“ und „1983“, die sich mit der Jagd auf den Yorkshire-Ripper beschäftigten. Die Protagonisten in diesen düstern Kriminalromanen waren meist Polizisten, die ins Räderwerk von Korruption, Gewalt und organisiertem Verbrechen gerieten. So auch sein japanischer Inspektor Minami, der sich im feuchtheissen August 1946 durch die Tage kämpft.

Ich schaue auf die Uhr, ich bin früh dran. Ich verlasse die U-Bahn und schnappe etwas Luft.                                                                                                                              Ton-ton. Ton-ton. Ton-ton. Ton-ton. Ton-ton…                                                                Doch in Asakusa gibt es es keine frische Luft; nur Märkte zur Linken, Richtung Norden, und Ruinen zur Rechten, am anderen Ufer des Sumida. Keine Luft; das gleiche verbrannte Gelände, flach bis auf die schwarz verkohlten Betonbrocken und das frische gelbe Holz. Keine Luft; dieser Ort ist der Tod, immer nur Tod, früher schon und heute wieder.                                                                                                        Ton-ton. Ton-ton. Ton-ton. Ton-ton. Ton-ton… 

Ein Jahr zuvor hatte Japan kapituliert und der Kaiser abgedankt. Tokio liegt in Trümmern. Es gibt kaum etwas zu essen. Schwarzhandel und die organisierte Kriminalität blühen, Korruption und Gewalt sind an der Tagesordnung. Als wäre das alles noch nicht genug, werden in einem Park die Leichen von zwei jungen Frauen gefunden. Die Polizei macht rasch einen Verdächtigen ausfindig, der einen Mord gesteht. Allerdings fährt die Lorbeeren für diesen Erfolg Minamis Konkurrent ein. Minami scheitert beim Versuch, die Identität des zweiten Opfers zu klären, stößt bei seinen Recherchen aber auf immer mehr ungelöste Fälle, in denen junge Frauen vergewaltigt und erdrosselt wurden. Minami muss erfolgreich sein, sonst ist sein Job, samt seinem neuen Leben in Gefahr, in dem er seine Frau, zwei Kinder und eine Geliebte versorgen muss. Um über die Runden zu kommen, verkauft er Informationen an die Unterwelt.

Nun sind Peace Romane nie stringent erzählte, sauber geplottete Geschichten. Peace erzählt stackato- und bruchstückhaft, arbeitet viel mit Wiederholungen und Rhythmisierungen. Er weiß damit hoch konzentrierte, alptraumhafte Szenarien zu schaffen. Die Leser sind dabei näher, als ihnen lieb sein mag, an Inspektor Minami, in dem sich mehr und mehr der Wahnsinn festfrisst.

Der bereits mehrfach international ausgezeichnete David Peace recherchiert seine Geschichten bis ins Kleinste. Den im zerbombten Tokio sein Unwesen treibenden Frauenmörder gab es wirklich. Und auch sonst spürt Peace den Befindlichkeiten in der japanischen Gesellschaft von damals, die sich auf den Weg in die Demokratie macht, sehr präzise nach. Peace lebte übrigens über 15 Jahre in Tokio. „Das Grauen meiner Figuren“, sagte er in einem Interview, „ist das gleiche Grauen, das ich meiner eigenen Person gegenüber empfinde. Für mich gibt es kein Schwarz und Weiß, kein Gut und Böse – die Menschen sind sehr, sehr grau.“ David Peace Romanwelten sind düstere Labyrinthe. Ein Lächeln sucht man hier vergebens und wird es wohl auch in den folgenden zwei Bänden seiner Tokio-Trilogie nicht finden.

David Peace: Tokio im Jahr Null. Aus dem Englischen von Peter Torberg. Liebeskind-Verlag, 416 Seiten, 22 Euro. Taschenbuch bei Heyne, 9,99 Euro.

(c) Frank Rumpel

SWR2

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