Philip K. Dick: Unterwegs in einem kleinen Land

knvmmdb-67.dllPhilip K. Dick hat sich vor allem als Science-Fiction-Autor einen Namen gemacht und konnte, trotz etlicher Auszeichnungen, dennoch nie so recht vom Schreiben leben. Dabei war der 1928 in Chicago geborene Philip Dick, der 1982 in Kalifornien an den Folgen eines Schlaganfalls starb, ein manischer Schreiber, der 45 Romane und über 120 Kurzgeschichten verfasste. Der große Teil ist Science Fiction und etliche seiner Texte gehören sicherlich mit zu den visionärsten und einfallsreichsten des Genres. Eines seiner großen Themen war von Anfang an die Frage, wie authentisch die Wirklichkeit ist. Zahlreiche seiner Texte dienten auch als Film-Vorlagen. Ridley Scott etwa drehte 1982 den Film „Blade Runner“ mit Harrison Ford in der Hauptrolle. Der Roman dazu hieß übrigens weitaus treffender: „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“.

Doch hat Dick neben seinen Genre-Texten vor allem in den fünfziger Jahren auch einige Gesellschaftsromane geschrieben, von denen bisher allerdings nur einer in deutscher Übersetzung erschien. Jetzt hat der Münchner Liebeskind-Verlag mit dem Roman „Unterwegs in einem kleinen Land“ einen weiteren zugänglich gemacht. Dick hatte ihn 1957 verfasst. Veröffentlicht wurde er erst nach seinem Tod.

Der Roman spielt im Jahr 1952 in Los Angeles, das seit den Kriegsjahren rapide gewachsen ist. Die dort ansässige Rüstungsindustrie zog viele Arbeitssuchende aus dem ganzen Land an. Die meisten blieben auch nach dem Verlust ihrer Jobs dort und versuchten, sich eine Existenz aufzubauen.

Sie hatten genug verdient, um zu bleiben. Schließlich fühlten sie sich inzwischen als Kalifornier. Und so wurde Los Angeles zum flächenmäßig weltgrößten besiedelten Gebiet; alle strömten in die Stadt und keiner ging.

So auch Virginia und Roger Lindahl. Sie waren 1944 von Washington nach LA gezogen und hatten sich dort niedergelassen. Roger Lindahl hat sich mit einem kleinen Elektrogeschäft selbständig gemacht. Das Fernsehen ist gerade im Kommen. Virginia verdient ihr Geld als Tanzlehrerin. Ihren Sohn Gregg schicken sie auf eine Privatschule in den Bergen. Dort lernen sie Liz und Chic Bonner kennen, die zwei Söhne auf der Schule haben. Die beiden jungen Paare verabreden eine Fahrgemeinschaft. Roger Lindahl beginnt ein Verhältnis mit Liz Bonner, in dessen Folge nicht nur die beiden Ehen, sondern ganze Weltsichten kollabieren. Virginia Lindahl ahnt früh, dass sie betrogen wird und beobachtet ihren Mann genau. Als Chic Bonner ihm das Angebot unterbreitet, in sein Elektrogeschäft zu investieren

schien das Interesse ihres Mannes geweckt. Seine skeptische Miene jedoch blieb. Der Mangel an echter Begeisterung. Das Thema einer Expansion schien ihn nicht wirklich zu bewegen. Was für ein beschränktes Blickfeld, dachte Virginia. In was für einem kleinen Land er doch unterwegs ist. Glücklich damit, morgens den Staub von einem Fernseher zu wischen und von einem zweiten am Nachmittag. Und zwischendurch klingelt ab und zu das Telefon. Welch ein armseliges Reich.

Dick spürt den Befindlichkeiten der beiden Paare sehr präzise nach, zeichnet ein immer wieder beklemmendes Psychogramm beider Ehen. Die Protagonisten gehören zur amerikanischen Mittelschicht, leben eine wohlanständige Konvention und müssen sich nach dem Scheitern ihrer Ehen neu orientieren. Virginia Lindahl, die betrogene Ehefrau, ist darin noch am besten. Sie weiß den Ehebruch ihres Mannes zu ihren Gunsten auszunutzen und gleichzeitig die Fassade aufrecht zu erhalten. Bei ihrem Mann und seiner Geliebten wird dagegen schnell klar, dass beide Suchende sind, vermutlich ohne je ans Ziel zu kommen.

Mit dem Zerbrechen eines Kleinfamilienidylls fächert Dick einen gesellschaftlichen Ausschnitt aus dem LA der frühen Fünfziger auf, beobachtet genau, erzählt kleinteilig, gelegentlich auch etwas langatmig und sprachlich umständlich. Das tut der Geschichte allerdings keinen Abbruch. Dick fängt die Zeitumstände, den teils latenten, teils offenen Rassismus, die Zigarette im Arztwartezimmer, Segen und Fluch des aufkommenden Mediums Fernsehen, den Traum vom bürgerlichen Leben oder die langsam aufbrechenden Geschlechterrollen gekonnt ein. Dennoch haftet seinem Text etwas Zeitloses an. Kein Wunder: Dicks Figuren sind permanent damit beschäftigt, den Traum von einem guten Leben mit der Realitität in Einklang zu bringen.

Philip K. Dick: Unterwegs in einem kleinen Land. Aus dem Englischen von Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt. Liebeskind-Verlag, 378 Seiten, 22 Euro.

(c) Frank Rumpel

SWR2

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