Arne Dahl: Dunkelziffer

knvmmdb-65.dllMit Kleinkram gibt sich Arne Dahl nicht ab. Im neuen Roman „Dunkelziffer“ sucht sein A-Team ein verschwundenes Mädchen, jagt einen Mörder, der die Mitglieder eines Pädophilenrings unschön dezimiert und stolpert über einen Geheimbund, der sich ausgiebig dem Thema Sexualität widmet.

Bei einem Klassenausflug ins nordschwedische Angermansland verschwindet die 14-jährige Schülerin Emily. Als eine erste Suchaktion in den Wäldern erfolglos bleibt, wird die Stockholmer Eliteeinheit des Reichskriminalamtes in die Nachforschungen eingeschaltet. Sie hat den sperrigen Namen „Spezialeinheit für Gewaltverbrechen von internationalem Charakter“, kurz und unmissverständlich auch einfach A-Gruppe genannt. Hinzu gezogen werden sie, weil Zeugen in der Umgebung Autos mit Litauer Kennzeichen gesehen hatten.

Haarklein schildert Arne Dahl die Ermittlungen vor Ort, erzählt, wie sich in den wiederholten Zeugenbefragungen kleine Hinweise ergeben und erste vage Spuren finden. In der Umgebung leben drei verurteilte Pädophile, die in den vergangenen Jahren allerdings nicht mehr aktenkundig wurden. Einer von ihnen, Sten Larsson, ist unauffindbar und ein anderer beteuert, er sei schon damals unschuldig gewesen. Als die Polizisten schließlich die im Wald vergrabene Leiche von Sten Larsson finden, ergibt sich plötzlich eine Verbindung zu einem Fall in Stockholm. Denn auch dort wurde einem Mann die Kehle durchschnitten. Die Sache wird freilich noch komplizierter, als die Ermittler Emilys Computer-Festplatte knacken. Die 14-jährige hatte eine Webseite, auf der sie Nacktfotos von sich verkaufte. Zudem glaubte sie, ihren Vater aufgespürt zu haben, der ihre Mutter damals als 15-jährige vergewaltigte. Ein Geheimorden, der sich um die positive Kraft von Sexualität stark macht spielt ebenso eine Rolle, wie der Raub eines im Stockholmer Untergrund gefundenen, 200 Jahre alten Skeletts.

Alles wie gehabt also beim schwedischen Krimiautor Arne Dahl, der es verwickelt, weitläufig und vielschichtig mag, der in seinen Romanen meist einigermaßen gesellschaftlich und politisch aktuelle Themen verhandelt, dabei stets eine Menge Personal bewegt und deshalb auch viele Geschichten in einer erzählt. Seine Hauptfiguren, die Mitglieder des A-Teams, sind allesamt vom Leben gezeichnet, haben ihre Fehler und dunkle Seiten, mit denen sie sich arrangieren müssen. Ausreichend Stoff also, den Dahl pro Band zudem einem größeren Thema unterordnet. Diesmal geht es um Sexualität, von ihren Rändern her betrachtet.

Arne Dahl, der eigentlich Jan Arnald heißt und gelegentlich auch unter diesem Namen veröffentlicht, ist ein routinierter Schreiber. „Dunkelziffer“ ist der achte Band einer zunächst auf zehn Bände angelegten, dann auf elf erweiterten Reihe von Kriminalromanen, die Dahl 2008 abschloss. Es sind stets komplexe Fälle, mit denen sich sein A-Team herum schlagen muss. Den Autor reizen offensichtlich die unmöglich scheinenden Zusammenhänge, das Verknüpfen vermeintlich weit auseinander liegender Geschichten, die schließlich überaus passgenau zueinander finden. Das macht die Romane zwar spannend, weil man bei Dahl nie weiß, wohin die Reise geht, oft aber eben auch eine Spur zu glatt, zu konstruiert. Genau das ist in „Dunkelziffer“ der Fall, wo Dahl seine Geschichten etwas zu gut verfugt und das Gut-Böse-Spiel so überzeichnet, dass es eher absurde Züge trägt. Da hat der Autor auf der Suche nach dem perfekten, erzählerischen Coup ein wenig zu viel gewollt, als dass die Geschichte, die er nun mal über weite Strecken bierernst und mit viel gesellschaftskritischem Impetus erzählt, am Ende noch glaubhaft wäre.

Arne Dahl: Dunkelziffer.  Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt. Piper-Verlag, 416 Seiten, 9,99 Euro.

(c) Frank Rumpel

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