James Ellroy: Blut will fließen

 knvmmdb-82.dllAcht Jahre lang hat der amerikanische Autor James Ellroy an seinem aktuellen Roman gearbeitet. Fast 800 Seiten lang ist dieser dritte und letzte Teil seiner Underworld-Trilogie geworden, die zusammen mit den Bänden „Ein amerikanischer Thriller“ und „Ein amerikanischer Alptraum“ vom Amerika der sechziger Jahre erzählt, in denen John und Robert Kennedy, sowie Martin Luther King ermordet wurden, in denen die USA in den Vietnamkrieg eingriffen, die Studenten- und schwarzen Bürgerrechtsbewegungen stark wurden. Ein gefundenes Fressen für Ellroy, bieten sie dem Autor doch reichlich Gelegenheit, seine Lesart der Geschichte zu                            präsentieren.

Und das ist eine düstere und gewalttätige Interpretation. Seine Protagonisten gehen über Leichen, sind korrupt, intrigant und bewegen sich politisch meist an den äußeren Rändern. „Blut will fließen“ setzt am 14. Juni 1968, zehn Tage nach dem Attentat auf Robert Kennedy ein und endet kurz vor der Watergate-Affäre am 3. Mai 1972. Es ist die erste Amtszeit Richard Nixons als Präsident. Für Ellroy ist klar, dass ihm der Milliardär und Mafioso Howard Hughes bei der Wahl wichtige Schützenhilfe gab. Im Gegenzug versprach der sich Unterstützung bei der Verlagerung seines Casino-Geschäftes von Kuba in die Dominikanischen Republik. Derweil bläst der alternde FBI-Chef J. Edgar Hoover weiter zum Sturm auf Kommunisten und Schwarze.

Das ist der Rahmen, in den Ellroy seine Geschichte webt. Der rassistische FBI-Agent Dwight Holly infiltriert mit Billigung Hoovers schwarze Bürgerrechtsbewegungen, will sie kriminalisieren und damit auf Dauer diskreditieren. Der zwielichtige Ex-Cop Wayne Tedrow soll für den Milliardär Hughes das Casinogeschäft in der Dominikanischen Republik voran bringen, arbeitet aber auch mit dem FBI zusammen. Ein korrupter Cop des Raubdezernats hat bisher 18 schwarze Räuber erschossen, ist aber seit Jahren erfolglos hinter den Beteiligten eines brutalen Geldtransport-Überfalls her – freilich nur um selbst Kasse zu machen. Für den jungen Privatdetektiv Don Cruchfield wird ein kniffliger Fall zur Obsession seines Lebens. Die Links-Intelektuelle Karen spielt eine ebenso wichtige Rolle, wie die linke Untergrundkämpferin Joan Klein, zumal sie beide Geliebte des ultrarechten FBI-Beamten Dwight Holly sind.

Es ist ein dicht gesponnenes Netz, das Ellroy in drei großen Erzählsträngen ausbreitet, es einigermaßen übersichtlich hält, aber auch Mühe hat, die Geschichten verständlich aufzulösen. Den klassischen Thriller-Aufbau hat Ellroy längst hinter sich gelassen und sich auf hoch komprimmierte Geschichten entlang historischer Ereignisse verlegt, in denen unzählige Showdowns eher nebenbei abgehandelt werden. Geschrieben ist das alles in einer nüchternen, von allem Ballast befreiten Sprache, deren dokumentarischer Charakter häufig durch eingeschobene Aktennotizen, Tagebucheinträge und Abhörprotokolle noch verstärkt wird.

Sie zielten und schossen nach unten. Sie feuerten ihre Waffen auf die vorherbestimmten Ziele leer, auf Körper und Gesicht. Die wackelten und zuckten und zappelten und blieben sitzen. Die überlappend abgegebenen Schüsse erzeugten Echos. Der Korditgestank war beißend, der Pulverdampf dick. Die Musik nicht mehr zu hören. Das Blut ergoss sich unablässig auf die Sofas.

Unappetitlich, aber für leichte Kost war der 62-jährige Ellroy noch nie zu haben. Die Figuren sind allesamt keine Sympathieträger, sind Gefangene ihrer Ideologien, gewalttätig, rücksichtslos, aber immer auch auf der Suche nach Sinn und Halt im Leben. In einem Interview sagte Ellroy:

Ich entwerfe eine schmutzige, historische Realität hinter dem, was als offizielle Variante der jüngeren Geschichte tradiert wird. Eine Welt voller zwielichtiger, kaputter und böser Typen. Aber mein neuer Roman ist doch, wenn man genau hinschaut, voller Hoffnung.

Ellroy will den unzähligen Verschwörungstheorien keine weiteren hinzu fügen. Eher unterfüttert er das Vorhandene, indem er Geschichte und Geschichten plausibel vermengt, Ideologien bloß stellt, indem er zeigt, wie ähnlich sie sich doch sein können. Die engen Verflechtungen von Politik, Polizei und organisiertem Verbrechen sind für Ellroy dabei sowieso so etwas wie ein Naturgesetz. Heraus gekommen ist ein kunstvoller und wuchtiger Roman, eine obsessive, packende Reise ins dunkle Herz Amerikas.

James Ellroy: Blut will fließen. Aus dem Amerikanischen von Stephen Tree. Ullstein-Verlag, 783 Seiten, 24,90 Euro. Taschenbuch: 12,95 Euro.

(c) Frank Rumpel

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