Martin Suter: Der Koch

knvmmdb-71.dllUrd-Linsen-Cordons in zwei Konsistenzen, Churaa Varai auf Nivara-Reis mit Mintschaum, gelierte Spargel-Ghee-Phallen. Das sind nur einige Gerichte aus dem Love-Menü, das in Martin Suters neuem Roman eine zentrale Rolle spielt. Hier wird mit Rotationsverdampfer und Glaskolben gekocht, werden Sphären, Schäume, Lüfte und Gelees gereicht, allerdings ohne den sonst in Büchern mit kulinarischem Schwerpunkt häufig penetrant zelebrierten Gestus des allein seelig machenden.

Suters Protagonist Maravan stammt aus dem Norden Sri Lankas. Er ist ausgebildeter Koch, arbeitet aber seit seiner Flucht in die Schweiz, nur als Küchenhilfe in einem Nobel-Restaurant. Gelegentlich schickt er Geld nach Hause und hält sich seelisch im Gleichgewicht, indem er zumindest sich selbst in seiner eigenen Miniküche beweist, dass er’s noch kann, dass er Koch ist, ein guter dazu, zumal ihn mancher Duft an seine Jugend erinnert. Er experimentiert gern und hat die tradionellen Rezepte seiner Großtante mit den Möglichkeiten der Molekularküche ganz neu interpretiert. Er träumt davon, in Sri Lanka ein eigenes Restaurant zu eröffnen. Doch dort herrscht (der Roman spielt zwischen März 2008 und April 2009) immer noch Krieg zwischen den Guerrillas der Tamil Tigers und der Armee, die im vorigen Jahr zur letzten Großoffensive blies.

Als Maravan eine Frau mit seinen Kochkünsten beeindrucken will und sich dafür ungefragt Gerätschaften aus der Küche des Restaurants ausleiht, setzt dies einiges in Bewegung. Er wird gekündigt und die Frau verbringt die Nacht mit ihm, ein Beweis dafür, dass die, ihrer aphrodisiakischen Wirkung wegen ausgewählten Speisen tatsächlich wirken, denn Andrea hat mit Männern sonst nichts am Hut. Die beiden beschließen einen eigenen Catering-Service zu eröffnen. Mit Love Foods bringen sie zunächst die Patienten einer Sexualtherapeutin wieder in Schwung, bis sich ihnen eine weit lukrativere Nische auftut. Sie tischen den Kunden eines Nobel-Callgirl-Rings auf und das sind zahlungskräftige Männer aus den oberen Wirtschafts- und Politetagen.

Darunter ist auch einer, der seine Hände als vielseitiger Vermittler ohne Gewissen immer dort im Spiel hat, wo viel Geld zu verdienen ist. So fädelt er unter anderem ein Geschäft ein, bei dem ausrangierte Panzer über einige Umwege an die Armee in Sri Lanka verkauft werden. Das ist umso prekärer, als Maravans Neffe von den Tamil Tigers als Kämpfer rekrutiert wurde und die Außenposten der Tiger bei den Exilanten in der Schweiz kräftig abkassieren.

Es ist eine kompakte, fein verästelte Geschichte, die der 62-jährige Martin Suter in seinem siebten Roman gewohnt souverän, dialogstark und in einem elegant sämigen Erzählfluß vor den Lesern ausbreitet. Er weiß auf engstem Raum Atmosphäre zu schaffen und sie problemlos über 300 Seiten zu halten, ohne dabei auch nur einmal zu stolpern. Seine Figuren sind weitgehend stimmig und vor allem die geldgeilen Exemplare nicht selten mit herrlich bissigem Humor gezeichnet. Einige Figuren allerdings, sind ihm zu eindeutig, zu Schwarz-Weiß geraten.

Die Themen seines Romans hat Suter bis in die Details gewohnt gut recherchiert. Der Hintergrund etwa, den er seinem Protagonisten Maravan gibt, ist differenziert ausgestaltet und geschickt eingeflochten. Und auch die Zubereitung der aphrodisiakischen Speisen (ein klassisches Suter-Thema: Es geht mal wieder um Bewusstseinsveränderung), die immerhin eine wichtige Rolle spielt, reitet Suter im Text nicht tot, sondern verbannte die zugehörigen Rezepte klugerweise in den Anhang.

Die Erzählung fließt leicht, gelegentlich auch eine Spur zu leicht, zu gemächlich und unverbindlich dahin, um schließlich auf einen Plot zuzusteuern, der wenig zwingend ist und ebenso wenig überrascht. Doch selbst mit einigen Abstrichen kommt bei Martin Suter immer noch ein gutes Buch heraus.

Martin Suter: Der Koch. Diogenes-Verlag, 312 Seiten, 10,90 Euro.

(c) Frank Rumpel

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