Angelo Petrella: Nazi Paradise

knvmmdb-83.dllAm liebsten reißt er Autonomen und Polizisten auf Demos „den Arsch auf“, bezeichnet Frauen gern mal als „Kackschlampen“, hängt am liebsten biertrinkend mit seinen Kumpels von der „Front Skin Neapel“ herum oder geht mit ihnen ins Stadion, um sich mal so richtig abzureagieren. Die meiste Zeit aber sitzt Angelo Petrellas namenloser Erzähler, der kein dumpfbackiger Prol, sondern ein einigermaßen intelligenter Bursche ist, in seiner Zimmer vor dem Computer, hackt sich hie und da ein, kommt über die Runden, indem er fremde Bankkonten zu seinen Gunsten belastet und treibt sich daneben gern als „Dux“ in Erotikchatrooms herum.

Beim Abräumen eines Bankkontos geht er der Polizei ins Netz. Die zwingt ihm ein Geschäft auf. Um ungeschoren davon zu kommen soll er auf einer Party der Schönen und Reichen den Computer des Hausherrn knacken und einige Dateien kopieren. Viel zu spät erkennt er, wie heiß das Material ist. Die korrupten Polizisten, mit denen er zu tun hat, sind durchaus bereit, dafür über Leichen zu gehen.

Erzählt ist das alles in einer direkten, groben Sprache, die keine Umwege nimmt, die geradeheraus eine kleine Welt umreißt, die vor allem aus Hass und schematisierten Freund-/Feindbildern besteht. Der Erzähler hat verständlicherweise keinen Sinn für die Beschreibung von Figuren und Orten, weshalb beides allenfalls Fassade bleibt. Nur selten kommt so etwas wie Atmosphäre auf und wenn, dann ist sie ziemlich beklemmend. Der 1978 in Neapel geborene Petrella gewährt in seinem gerade mal hundert Seiten starken Roman mit einer recht überschaubaren Krimihandlung einen fiktiven Blick in den Kopf eines jungen, italienischen Neo-Nazis, der desillusioniert am Rand einer kaputten Gesellschaft lebt, sich selbst und die Welt nur noch erträgt, indem er sie, auch sprachlich, gewaltsam passend macht und sei es nur für Augenblicke.

Das ist in dieser radikalen Erzählform immer wieder harter Stoff, dem Petrella ein wenig die Schärfe nimmt, indem er seiner Figur eine komische Note mit gibt. Denn der Erzähler überschätzt sich maßlos, ist zwar nicht auf den Kopf gefallen, hat aber keinen Blick für Zusammenhänge und ist längst nicht jener gewiefte Hacker, für den er sich gerne hält. Gleich mehrfach bekommt er deutlich seine Grenzen aufgezeigt. Diese Erfahrungen lassen nach und nach zwar sein Selbstbild sacht bröckeln, seinen von Hass und Engstirnigkeit geprägten Blick auf die Welt aber verändern sie nicht.

Angelo Petrella: Nazi Paradise. Aus dem Italienischen von Bettina Müller Renzoni. Pulp Master, 118 Seiten, 12,80 Euro.

(c) Frank Rumpel

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