Arne Dahl: Totenmesse

knvmmdb-66.dllMitten in Stockholms Nobelviertel Östermalm überfallen schwer bewaffnete Räuber eine Bank, nehmen Geiseln und drohen, das Gebäude in die Luft zu sprengen. Forderungen stellen sie nicht. Die Polizei evakuiert den Stadtteil und stürmt die Bank. Die Sprengstoffpakete erweisen sich als Attrappen, die Geiseln sind unverletzt, das Geld ist noch da, die Geiselnehmer aber spurlos verschwunden.

Damit beginnt der Roman „Totenmesse“, der siebte Teil einer mittlerweile elfbändigen Reihe um ein Eliteteam der schwedischen Kriminalpolizei. Es hat den sperrigen Namen „Spezialeinheit für Gewaltverbrechen von internationalem Charakter“, kurz und unmissverständlich auch einfach A-Gruppe genannt. Erfunden hat sie der schwedische Autor Arne Dahl, ein Pseudonym des Schriftstellers Jan Arnald.
Der Überfall, das wird schnell klar, war nur das Ablenkungsmanöver für einen anderen Coup. Nach der Evakuierung des Stadtviertels wurde dort in eine Wohnung eingebrochen, um ein eingemauertes Dokument zu holen. Die Wohnung diente während des Kalten Krieges als Hauptquartier der Stasi. Einige Spuren aus dem Überfall deuten auf eine Verwicklung ehemaliger KGB-Agenten hin. Ein pensionierter britischer MI6-Spion wird ermordet aufgefunden. Und das alles im Jahr 2003.
Es ist – mal wieder – eine verzwickte Geschichte, die Arne Dahl da auf der Suche nach dem perfekten Kriminalroman ersonnen hat, eine Geschichte, die jede Menge durchaus glaubhaftes Personal ins Rennen schickt und etliche, meist vermeintlich falsche Fährten auslegt. Da bekommt Gunnar Nyberg, ein Mitglied der A-Gruppe, der in Griechenland und Italien Urlaub macht, ebenso seinen Auftritt wie ein deutscher Chemiker, der als Soldat 1942 im eingekesselten Stalingrad ums Überleben kämpfte. Eng damit verknüpft ist ein Fund, den Arto Söderstedt, auch er Polizist im A-Team, in einem Geheimfach seines, auf einer Auktion erworbenen Barockschreibtisches macht. Es sind unmöglich scheinende Zusammenhänge, die Dahl reizen, das Verknüpfen weit auseinander liegender Geschichten durch ein großes Thema. Diesmal ist es die Abhängigkeit von immer knapper werdenden fossilen Brennstoffen und die Jagd nach einer chemischen Formel, die eine zukunftsträchtige Alternative enthält.

In der Kampfleitzentrale – der A-Gruppe – stand ein Fernseher. Natürlich sollte dort kein Fernseher stehen. Der kleine Sitzungsraum war kein Ort, an dem man fernsah. Aber jetzt guckten alle. Es war Krieg in der Welt. Wieder einmal. Bomben waren gefallen. Jetzt. Heute Morgen. Der Präsident verkündete im Fernsehen, dass dies der Auftakt zur „Operation Iraqi Freedom“ sei. Präsident George W. Bush, die merkwürdigste Lebensform, die es der amerikanischen Demokratie bisher hervorzubringen gelungen war.

Während die A-Gruppe mit ihrer Leiterin Kerstin Holm die Nachrichten verfolgt, ereignet sich der Bankraub. Der Einsatzbefehl kommt per Telefon.

Erst jetzt spürte Kerstin Holm ihre Rückenschmerzen. Es gab zwei Lösungen des Problems.                                                                                                                                       1.) Sie konnte das Fernsehen abbrechen und die verspätete Morgenbesprechung beginnen.                                                                                                                                       2.) Sie konnte zwischen den Untergebenen Platz nehmen und mit geradem Rücken weiter gucken. Sie wählte                                                                                                          3.) Sitzen bleiben und sich quälen. Ein paar Sekunden lang. Dann geschah Folgendes: 4.) Das Telefon klingelte. Kriminalkommissarin Kerstin Holm nahm den Hörer ab. Sie schloss die Augen, als sie sich meldete. In dem gespannten Schweigen erklang Präsident Bushs wohlpräparierte Stimme: „Es ist zu spät für Saddam Hussein. Er kann nicht an der Macht bleiben.

Dass hier der Beginn des Irakkriegs und der Banküberfall, mit allem, was darauf folgt, erzählerisch so eng zusammen rücken ist keineswegs nur schnittiges Entertainment. Alles in Arne Dahls Roman ist miteinander verschränkt. Er versteht sein Handwerk, ganz ohne Zweifel. Und doch langweilt dieses mainstreamig glatte, allzu perfekte Bezugssystem, das in seiner Passgenauigkeit zu konstruiert, zu geschraubt wirkt. Da läuft eine Erzählmaschine auf Hochtouren, man freut sich an den Effekten, hat die „Aaahs“ und „Ooohs“ an den vom Autor beabsichtigten Stellen hören lassen, hat sich eine Zeit lang gut unterhalten und war am Ende dann doch etwas enttäuscht. Dahl erzählt wortreich von der Welt und dem Leben und verrät uns am Ende doch nichts Neues darüber.

Arne Dahl: Totenmesse. Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt. Piper-Verlag, 416 Seiten, 9,99 Euro.

(c) Frank Rumpel

SWR2

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Krimikritik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.