Malla Nunn: Ein guter Ort zu sterben

knvmmdb-55.dllAm Ende des Pfades erreichte er einen Fluss und spähte hinüber zum jenseitigen Ufer. Unter dem klaren Himmel schimmerte ein Streifen niedrigen Buschlands. In der Ferne ragten am Horizont die zerklüfteten blauen Gipfel einer Bergkette auf. Afrika pur. Genau wie die Fotos in den englischen Zeitschriften, die von den Vorzügen der Auswanderung schwärmten. Ein schöner Ort, um zu sterben, dachte Emmanuel, während er langsam am Ufer entlang ging. Zehn Schritte weiter vorn sah er die Leiche und begriff, weshalb die Landarbeiter solche Angst hatten.

Es ist das Jahr 1952. Vier Jahre zuvor hat in Süd-Afrika die National Party die Parlamentswahlen gewonnen und setzt nun die Apartheidsgesetze, die strikte Trennung zwischen Schwarzen und Weißen rigoros durch. Detective Sergeant Emmanuel Cooper von der Polizei in Johannesburg wird von seinem Chef nach Jakob’s Rest geschickt, ein Nest mitten im Busch nahe der Grenze zu Mosambik. Der Engländer Cooper soll dort den Mord an einem weißen Polizisten aufklären. Captain Pretorius, ein gottesfürchtiger Kap-Holländer, der mit seinem Clan das Städtchen kontrollierte, leitete die Polizeistation und galt als unbescholtener Mann. Seine Söhne „massige Hünen von der Sorte Mann, die den Planwagen selbst dann noch durch den Busch zog, wenn die Ochsen schon tot waren“, sind der Meinung, dass es nur ein Schwarzer gewesen sein könne, der ihren Vater umgebracht hat. Den Schuldigen würden sie am liebsten selbst zur Rechenschaft ziehen. Deshalb hat Emmanuel Cooper alle Hände voll zu tun, in alle Richtungen zu ermitteln, ohne sich dabei selbst in Gefahr zu bringen. Denn der ermordete Captain war längst nicht jener Gutmensch, als den ihn seine Familie gern sah. Hilfe bekommt Cooper allein von dem schweigsamen Zulu Shabalala, der ein enger Vertrauter von Captain Pretorius war. Coopers Ermittlungen werden rasch von der Security Branch, dem südafrikanischen Geheimdienst ausgebremst. Der geht von einer politischen Tat aus, verhaftet Verdächtige und foltert sie, bis ein passendes Geständnis vorliegt.

Die in Swaziland geborene Malla Nunn erzählt ihre Geschichte mit sehr viel Detailwissen und einem feinen Gespür für die gesellschaftlichen Zwänge und die persönlichen Tragödien, die das Leben in einem rassistischen System mit sich bringen. Das ist nicht nur das Ergebnis präziser Recherche, sondern vor allem auch eigene Erfahrung. Der Roman sei stark vom Leben ihrer Eltern beeinflusst, sagte Nunn. Denn als die in den fünfziger Jahren in Swaziland heiraten wollten, war das per Gesetz verboten. In einem Interview sagte Nunn:

Wir sind also das Produkt von etwas, was in Süd-Afrika eigentlich gar nicht vorgesehen war, nämlich gemischtrassige Verbindungen. Es zeigt, wie weit man ging, den Leuten vorzuschreiben, was sie zu tun und zu lassen hatten.

Ihre Eltern wanderten deshalb Anfang der Siebziger nach Australien aus, wo Malla Nunn bis heute lebt und sich in den vergangenen Jahren vor allem als Dokumentarfilmerin einen Namen machte.

In ihrem Debütroman erzählt sie von den Jahren, in denen die Apartheidsgesetze noch jung sind und die Buren im Land ihre Zeit gekommen sehen. . Diese vermeintlich wohl geordnete Welt kommt durch den Mord an einem weißen Polizisten ins Wanken. Denn der Ort Jakob’s Rest ist ein Schmelztiegel, in dem nicht nur Schwarze und Weiße zusammen leben müssen, sondern auch Engländer und Buren, in diesem Fall Geheimdienst und Polizei und auch ein deutschstämmiger, mit seiner Frau hierher geflohener Jude spielt eine zentrale Rolle. In Jakob’s Rest gibt Nunn dem Rassismus ihrer Figuren aber noch eine pikante Note mit. Die Pretorius-Sippschaft um den ermordeten Polizei-Captain ist tief religiös und meint schlicht, die Rassentrennung sei Gottes Wille, denn immerhin etablierten

die neuen Gesetze nun ganz offiziell eine schon lange existierende Vorstellung, dass der Stamm der Schwarzen und der Stamm der Weißen von Gott erschaffen waren, um sich voneinander fernzuhalten und unabhängig voneinander zu gedeihen. Jeder dieser Stämme hatte seinen eigenen, natürlichen Lebensbereich. Nur Entartete übertraten die Grenze auf die andere, unnatürliche Seite.

Gerade in ihrer Gottesfürchtigkeit entpuppt sich die Bigotterie der weißen Gesellschaftsschicht. So gab es in Jakob’s Rest in den Monaten vor dem Mord einen Mann, der schwarzen Frauen nachstellte. Der Ermittler Cooper ist sich sicher, dass er es in beiden Fällen mit einem weißen Täter zu tun hat. Gewalt und Willkür sind an der Tagesordnung. Auch der Ermordete versuchte zu Lebzeiten, zwar für Ordnung zu sorgen, nutzte seine Position aber auch, um die eigenen Begehrlichkeiten zu stillen. Cooper ist der Exot in diesem Städtchen, nicht nur, weil er an mancher, sorgfältig geschönten Fassade kratzt, sondern auch weil er es mit der Rassenfrage nicht so genau nimmt.

Er betrachtete die Leute in der Menge. Jede Farbschattierung von frischer Milch bis zu verbranntem Zucker war vertreten. Allein auf diesem Kirchhof gab es genügend Beispiele, die belegten, dass die Vermischung der Rassen überhaupt nichts Unnatürliches an sich hatte. Eine Menge Leute kamen offensichtlich prima damit klar.

Als Leser ist man nah dran an Emmanuel Cooper, begleitet ihn bei seinen Ermittlungen, doch geizt die Autorin mit Identifikationsmomenten. Ihre Erzählhaltung ist kühl und distanziert, was der Geschichte gut tut. Es verleiht ihr zusätzlich Wucht und Tiefenschärfe. Durch einige ihrer Figuren bezieht die Autorin durchaus Stellung, aber sacht und unaufdringlich, so dass sie den Fokus in ihrer fein ausbalancierten und vielfach verästelten Geschichte immer wieder verschieben, verschiedenste Themen und Lebenswelten beleuchten kann. Malla Nunn ist ein intelligent und dicht komponierter Kriminalroman gelungen, der so sprachlich versiert, wie packend vom Beginn einer dunklen Zeit in Süd-Afrika erzählt. Kommendes Frühjahr erscheint der zweite Band mit Emmanuel Cooper in den USA. Glücklicherweise hatte Malla Nunn das Bedürfnis, ihren Cop aus Johannesburg nochmals loszuschicken.

Malla Nunn: Ein schöner Ort zu sterben. Aus dem Englischen von Armin Gontermann. Rütten und Loening, 407 Seiten, 9,99 Euro.

(c) Frank Rumpel

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