Gerard Donovan: Winter in Maine

knvmmdb-78.dll„Wenn ich mein bisheriges Leben in einem Satz zusammenfassen müsste, würde ich sagen, dass ich seit einundfünfzig Jahren in einer Hütte lebte.“ Das Zitat findet sich ziemlich weit vorne im Roman und fasst trefflich die Koordinaten dieser Geschichte zusammen, die im wesentlichen von Rache handelt, ein Motiv, das in seiner Schlichtheit schnell langweilen kann. Gerald Donovan allerdings ist damit ein kleines Meisterwerk gelungen, geradlinig, präzise und wuchtig.

Sein Protagonist und Ich-Erzähler Julius Winsome lebt mit seinem Pitbullterrier Hobbes in einer einsam gelegenen Hütte mitten in den Wäldern von Maine, nahe der kanadischen Grenze. Zusammen mit 3 282 Büchern hat er sie von seinem Vater geerbt. Für gewöhnlich verbringt er seine Tage mit lesen. Im Sommer arbeitet er gelegentlich als Gärtner oder hilft in einer Autowerkstatt aus. Jetzt aber bricht der Winter an und mit ihm die Jagdsaison. Als sein Hund offensichtlich aus nächster Nähe und damit absichtlich erschossen wird, gerät seine sonst so geordnete Welt ins Wanken. Er weiß nicht, wie er mit dem Kummer um seinen Freund umgehen soll. Als die Trauer übermächtig wird, beschließt er, denjenigen zu erledigen, der auf seinen Hund angelegt hat. Das freilich ist nicht ganz so einfach, denn er weiß nur, dass es ein Jäger gewesen sein muss.

Er holt seine alte Lee Enfield aus dem Schuppen, ein Scharfschützengewehr aus dem Ersten Weltkrieg, das sein Großvater seinerzeit mit nach hause gebracht hatte. Winsome ist ein guter und besonnener Schütze. Sein Vater hat ihm das Schießen beigebracht. Er braucht jeweils nur einen einzigen Schuss und schildert seine Morde emotionslos und eher nebenbei.

„Ich legte das Gewehr an die Schulter, schoss aus meinen achtzig Metern Entfernung, und die Kugel traf ihn in die Halsfalten. Er griff danach, als wäre es ein Insekt, drehte sich mit weit aufgerissenen Augen halb um und fragte sich, was passiert war.“

Als die ersten Jäger-Leichen im Wald gefunden werden, gerät Winsome ins Visier der Polizei. Doch je enger sich der Kreis um ihn schließt, desto mehr zieht er sich in die eigene Vergangenheit zurück, wird immer verschrobener und droht nach und nach aus der Zeit zu kippen. Er denkt viel an seinen Vater, erinnert sich, wie der ihn als Jugendlicher zwang, sich eingehend dem elisabethanischen Wortschatz von Shakespeare zu widmen. Die damals gelernten Worte kommen wieder an die Oberfläche, scheinen ihm mehr und mehr die passendere Sprache zu sein. Und er denkt viel an seine Sommerliebe Claire, die mit ihm zusammen den Hund aus dem Tierheim geholt hatte. Mitllerweile ist sie mit einem Polizisten verheiratet.

Donovan erzählt mit geschicktem Spannungsbogen, mit viel Wärme und Aufmerksamkeit für den Augenblick, mit viel Gespür für Rhythmus und Erzählökonomie und macht damit so ziemlich alles richtig. Geprägt ist sein Roman von einer tiefen Melancholie, einer Schwere, die in die Landschaft und eben zu einem passt, der sein Leben in den Wäldern verbrachte. Donovan weiß wohl sehr genau, wovon er spricht, lebt der 42-jährige doch selbst mit einem Pitbull in einer einsamen Hütte, einer stillgelegten Bahnstation, allerdings nicht in Maine, sondern im Staat New York. Als ihm die Idee zu seiner Geschichte kam, sei ihm sofort klar gewesen, dass sie nur im nördlichen Maine spielen könne, sagte er in einem Interview.

„Maine, der weiße Stern, der ab November leuchtet, herrscht über einen kalten Winkel des Himmels. Hier können nur kurze Sätze und lange Gedanken überleben: Wer nicht aus nördlichem Holz geschnitzt und langes Alleinsein gewohnt ist, sollte im Winter nicht hier sein. Die Entfernungen werden riesig, die Zeit wird über den Haufen geworfen. Die Kinder ritzen mit Schlittschuhen ihre Namen in die Teiche. Der Winter ist fünfzig Bücher lang und heftet einen an die Stille, wie ein aufgespiestes Insekt. Jeder Blick endet im Schnee.“

Ein überzeugender Kriminalroman, der im Grunde seines Herzens keiner sein will. „Winter in Maine“ ist eine kraftvolle, atmosphärisch dicht gepackte Geschichte, die vom Alleinsein, von Trauer und Freundschaft erzählt und eben vom Tod, der hier so gar nicht zufällig vorbeischaut.

Gerard Donovan: Winter in Maine. (Original: Julius Winsome, 2006). Aus dem Englischen von Thomas Gunkel. Luchterhand Verlag. 208 Seiten, 9,99 Euro.

(c) Frank Rumpel

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