Petros Markaris: Die Kinderfrau

knvmmdb-84.dllEr habe ihn lange vor sich hergeschoben, den Roman, der in Istanbul spielt, sagte der griechische Autor Petros Markaris in einem Interview. Zu viele Erinnerungen erschwerten das Schreiben. Denn der 72-jährige Markaris wuchs in Istanbul auf. Seine Familie gehörte dort der griechischen Minderheit an, die im vergangenen Jahrhundert gleich mehrfach verfolgt und unterdrückt wurde. In den 50er Jahren flohen viele nach Griechenland und verkauften ihr Hab und Gut, nicht selten für wenig Geld. Markaris Familie floh seinerzeit nicht, schickte aber ihren Sohn zum Studieren nach Wien. Anschließend zog er nach Athen, schrieb fürs Theater, für den Film und übersetzte deutsche Dramatiker ins Griechische. „Die Kinderfrau“ ist sein sechster Kriminalroman um den knorrigen Athener Kommissar Kostas Charitos.

Der macht mit seiner Frau Adriani Urlaub in Istanbul. Sie wollen etwas Abstand zu einer Entscheidung ihrer Tochter Katharina gewinnen, die kurz zuvor geheiratet hatte – allerdings nur standesamtlich und nicht, wie es sich nach Meinung der Eltern gehört hätte, kirchlich. Der Kommissar und seine Frau absolvieren das Standard-Touristenprogramm, er eher genervt, aber auch sie nicht wirklich bei der Sache. Da kommt es dem Kommissar nicht ganz ungelegen, dass plötzlich Arbeit ansteht.

Die 90-jährige Maria Chambou, eine türkisch-stämmige Griechin, deren Familie in den 1920ern fliehen musste und die ihr Leben lang als Kinderfrau gearbeitet hatte, soll in Griechenland ihren Bruder ermordet haben und in Istanbul untergetaucht sein. Dort sind bald weitere Opfer zu beklagen, alle mit dem selben, in eine Käsepitta eingebackenen Insektizid vergiftet. Offensichtlich hat Maria in Istanbul noch ein paar alte Rechnungen zu begleichen. Charitos soll den türkischen Kollegen trotz gegenseitigem Misstrauen bei den Ermittlungen helfen.

Nun ist die Geschichte selbst auf den ersten Blick nicht besonders raffiniert und das ist dem Autor wohl bewusst. Er nutzt das Motiv der detektivischen Suche, um en passant von der griechisch-christlichen Minderheit in der Türkei und ihrer im 20. Jahrhundert gleich mehrfachen Drangsalierung, Verfolgung und Vertreibung zu erzählen. Das allein wäre dann ein bestenfalls solider Kriminalroman mit sozialkritischem Impetus, aber keinesfalls ein stets auf mehreren Ebenen angelegtes Buch von Petros Markaris. So schickt er seinen Kommissar Charitos kreuz und quer durch seine – Markaris – Heimatstadt Istanbul und lässt ihn schließlich zu einem eher zwiespältigen Urteil kommen:

„Ein letztes Mal fahren wir über die Atatürk-Brücke. Es ist halb acht Uhr morgens, und zum ersten Mal erblicke ich ein anderes Gesicht Istanbuls: Die Verkaufsbuden sind geschlossen und die Rolläden herunter gelassen, und von den einstöckigen Baracken, die sich aneinanderdrängen, blättert die Farbe. Auf dem Gehsteig entlang der Küstenstraße stehen Salep- und Sesamkringelverkäufer. Erst jetzt, kurz vor meiner Abreise, stelle ich fest, dass diese Stadt einen Teil ihrer Schönheit der pulsierenden Geschäftigkeit verdankt, die jeden Morgen wie eine Fieberkurve steil ansteigt und erst tief in der Nacht wieder absinkt. Diese Lebendigkeit übertüncht das Hässliche, denn im Fiebertaumel achtet man nicht darauf.“

Markaris hat mit Folklore nichts am Hut. Ihn interessiert nicht die Fototapete Istanbul, sonder das Leben. Entsprechend zeichnet er ein kritisches Bild der Stadt und seiner Bewohner, bleibt aber auch dabei nicht stehen. Kostas Charitos türkischer Kollege Murat Saglam ist in Esslingen geboren, arbeitete bei der deutschen Polizei, bis er merkte, dass er, obwohl im Wesen Deutscher, in der Außensicht doch weiterhin ein Türke blieb. Seine Frau Nermin hatte in Deutschland als Computergrafikerin gearbeitet und bekam die Ausgrenzung zu spüren, als sie aus freien Stücken ein Kopftuch aufsetzte. Deshalb ging das Paar nach Istanbul. Als der Kommissar und seine Frau bei ihnen zu Gast sind, servieren sie Rindsrouladen mit Salzkartoffeln und Rotkohl.

Minderheiten“, sagt Murat im Gespräch, „stehen immer unter Generalverdacht und tragen immer eine Kollektivschuld. Sowohl hier als auch in Deutschland.“

So sammelt Markaris auf kleinstem Raum eine Vielzahl von Diskursen, ohne seine Leser je mit Monologen und Belehrungen zu langweilen. Markaris ist – und das zeigt er auch im neuen Roman wieder – ein begnadeter Geschichtenerzähler, der einem mit leichter Hand und höchst unterhaltsam von der Welt berichtet.

Petros Markaris: Die Kinderfrau. Aus dem Neugriechischen von Michaela Prinzinger. 316 Seiten, Diogenes-Verlag, 10,90 Euro.

(c) Frank Rumpel

SWR2

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