Ulrich Ritzel: Beifang

knvmmdb-87.dllEr wolle keine Serie schreiben, hat Ulrich Ritzel mal in einem Interview gesagt. Da waren freilich schon vier Bände mit seinem Kommissar Hans Berndorf erschienen und in den folgenden beiden ermittelten zwar die ehemaligen Assistenten des nunmehr Pensionierten, doch war der im Hintergrund nach wie vor präsent, so dass es allenfalls gutes Understatement war, was Ritzel da in den Block diktierte. Beiden Büchern ohne Berndorf fehlte ein wenig die Mitte, so dass man gespannt auf diesen siebten Roman sein durfte, in dem Ritzel seinen gewesenen Kommissar wieder auf die Piste schickt, diesmal als Privatermittler.

Vor dem Ulmer Landgericht wird ein Mordfall verhandelt. Ein Nahkampfausbilder der Bundeswehr soll seine Frau umgebracht haben. Der aber beteuert seine Unschuld. Sein Anwalt hat den Privatdetektiv Berndorf eingeschaltet. Er soll ein Schmuckstück finden, das die ermordete Frau kurz vor ihrem Tod noch getragen hatte, das nun aber verschwunden ist. Am Abend des ersten Verhandlungstages, an dem sich Anwalt und vorsitzender Richter in die Haare bekommen hatten, stürzt der Anwalt vor einen fahrenden Güterzug. Berndorf ermittelt, die Polizei ermittelt und ganz oben versucht das baden-württembergische Innenministerium einiges zu vernebeln.

Was da als einfache Geschichte beginnt, fächert der 69-jährige Ulrich Ritzel meisterhaft zu einem vielschichtigen Panoptikum auf, das von der Zeit des Nationalsozialismus bis ins Ulm von heute reicht. Dabei geht er nicht linear vor. Seine Geschichte bewegt sich sprunghaft, verdichtet sich nach und nach zu einer Erzählung über Geheimhaltung und Vertuschung, über Lügen und Korruption, über feine, wohlanständige Oberflächen mit nicht gar so feinem Innenleben.

Berndorf macht sich auf die Suche nach dem verschwundenen Schmuckstück und deckt nach und nach auf, dass es sich dabei um einen jüdischen Hochzeitsring gehandelt hat. Völlig unklar dagegen ist zunächst, wie die Ermordete in dessen Besitz kam. Während der Kripochef in dem Fall eine völlig abwegige Spur verfolgt, deckt Berndorfs ehemaliger Assistent Kuttler auf, dass die Ermordete ein Doppelleben führte. Sie arbeitete als Nobel-Prostituierte. Die Neckarwerke, ein großer Energiekonzern im Südwesten, engagierten sie gern für ihre Aufsichtsratsmitglieder und Kunden.

Ritzel hat ein engmaschig gewobenes Erzählnetz gespannt, auf das er in aller Ruhe Faden um Faden aufzieht, sie mal locker baumeln lässt, dann wieder strafft, weiter knüpft, schlüssige Verbindungen herstellt und am Ende eine komplexe, fein verästelte Geschichte präsentiert. Der zurück gekehrte Berndorf, dem das etwas überzeichnete Faktotum Wendel Walleter zur Hand geht, der zu jeder Gelegenheit den richtigen Bibel-Spruch auf den Lippen hat, hält die Geschichte zusammen, wenngleich er eine Spur zu schlau und selbstsicher agiert. Das kann freilich auch als bissiger Kommentar gelesen werden, schildert Ritzel doch im Gegenzug die Arbeit der Kripo als ineffektiv und schwerfällig, zumal deren Chef sich keineswegs die Karrierechancen verbauen will und in vorauseilendem Gehorsam die Direktiven von ganz oben umsetzt. Nur der selbst denkende Beamte Kuttler kommt hier noch einigermaßen gut weg.

Gerade durch die Beiläufigkeit, mit der Ritzel hier erzählt, bekommt diese Geschichte Gewicht. Korruption und die mit ihr verbundenen Abhängigkeiten inszeniert er nicht als große Skandalgeschichte, sondern als Selbstverständlichkeit. Geheimniskrämerei und Doppelmoral belasten hier nahezu alle Figuren und der Autor schickt keineswegs den edlen Ritter zum Aufräumen ins Chaos. Berndorf und Kuttler decken zwar einige der zugrunde liegenden Strukturen auf, gewähren einen Blick ins Innere von politischen, wirtschaftlichen und privaten Arrangements, scheuchen ein paar Figuren auf, ohne dabei aber die sorgsam aufgebauten Oberflächen nachhaltig beschädigen zu können.

Ulrich Ritzel: Beifang. Roman, 2009. Btb Verlag, 462 Seiten, 9,99 Euro.

(c) Frank Rumpel

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