Nury Vittachi: Der Fengshui-Detektiv im Auftrag Ihrer Majestät

knvmmdb-89.dllEs läuft nicht ganz rund für den in Hong Kong lebenden Geomanten C.F. Wong. Der 57-jährige Feng-Shui-Meister erleidet mit seinem neu gegründeten Zweigunternehmen „Harmoney“, eine Kombination aus harmony und money, mit dem er bei Geschäftsverhandlungen für gutes Fengshui und damit für gute Geschäfte zu sorgen verspricht, gleich beim ersten Auftrag Schiffbruch. Das beschert ihm einen Haufen Schulden, weshalb ihm ein anderer lukrativer Auftrag gerade recht kommt, wenngleich der mit einigen Unannehmlichkeiten verbunden ist. Wong soll für gutes Feng-Shui in einem neuen Superjet, dem größten, luxuriösesten und teuersten Flugzeug der Welt sorgen, das ein englisches Konsortium gerne an China verkaufen will. Die Verhandlungen finden im Flugzeug statt, mit dem Wong, zusammen mit seiner etwas trampeligen, australischen Assistentin Joyce anschließend nach London fliegen soll, um für die Queen schlechte energetische Einflüsse im Buckingham-Palast zu beseitigen. Das Problem: Er war noch nie im Westen und will aus guten Gründen auch nicht hin.

 Oh, er kannte ihn! Das Fernsehen hatte ihn belehrt. Demnach war der Westen ein Gebiet

    • wo täglich Polizeiautos zusammen stießen und in Flammen aufgingen
    • wo wunderschöne Frauen in zerfetzten Kleidern mit einer Hand Maschinengewehre abfeuerten
    • wo auf jedem Eisenbahnzug Männer Zweikämpfe austrugen, während die Bahn auf einen Tunnel zuraste

Der Auftrag verkompliziert sich, als kurz vor dem Start an Bord des Flugzeugs ein Mord geschieht. Ein junger Umweltschützer und Freund von Wongs Assistentin Joyce wird als Verdächtiger festgenommen. Er soll den Erd-Agenten, einer radikalen und gewaltbereiten Öko-Gruppierung angehören. Wong und Joyce machen sich an Bord des Superjets auf dem Flug nach London an die Aufklärung des Falles, als dort mehrere Bomben explodieren und das Flugzeug abzustürzen droht.

Was sich da zunächst etwas wild und chaotisch ausnehmen mag, erzählt Nury Vittachi, der auch zahlreiche Kinder- und Sachbücher veröffentlichte und nebenher an Schulen in ganz Asien kreatives Schreiben unterrichtet, geradlinig und mit viel Gespür für Timing und Plot. International bekannt wurde er mit seinen Romanen um den kauzigen Fengshui-Detektiv C. F. Wong, der vor allem Geld und gutes, asiatisches Essen schätzt und dessen Abenteuer auch im nun vorliegenden, fünften Roman vor allem mal wieder eines sind: ein riesen Spaß. Zumindest für Leute mit Sinn für absurde Komik. Die blitzt besonders in den Dialogen auf. Hier erklärt beispielsweise ein Vertrauter der Royals die königlichen Familienstrukturen.

 „Praktisch gesprochen tragen die Royals nur Vornamen. Umgangssprachlich nennt man sie die Windsors, als wäre es ihr Familienname. Aber wenn die Königin Dokumente zeichnet, unterschreibt sie gewöhnlich als Mountbatten-Windsor.“    „Aha. War das der Name ihres Vaters?“, fragt Wong.                                                  „Nicht wirklich.“                                                                                                                         „Sie sagen, ihr Vater hieß nicht Mondbatterie-Winzer?“                                                 „Der älteste Sohn von Königin Victoria, Eduard VII., hieß Sachsen-Coburg-Gotha nach seinem Vater, einem Deutschen. 1914, als zwischen Großbritannien und dem Deutschen Reich Krieg ausbrach, nahm Eduards Sohn Georg einen Namen an, der britischer klang.“                                                                                                                    „Aha! Doppelagent.“                                                                                                                „Um Gottes willen. König Georg V. war doch kein Spion!“                                          „Warum brauchte er dann einen falschen Namen?“

Pointiert inszeniert der 51-jährige, in Sri Lanka geborene, in England aufgewachsene und in Hong Kong lebende Vittachi die Begegnung zweier Kulturen, die vorurteilsbeladen aufeinander krachen, aber schnell merken, dass sie Probleme doch nur zusammen lösen können. Daneben erfahren Vittachis Leser einiges über Fengshui, über das Leben in den asiatischen Boomstädten und bekommen als Zusatz Wongs kluge, philosophische Traktate, die freilich in krassem Gegensatz zu dessen Leben stehen. In Vittachis Romanen ist alles in Bewegung, haben Stereotype gar keine Zeit, sich festzusetzen, lösen sich Zuschreibungen in Luft auf oder finden ihre wunderbar überzeichnete Entsprechung. Als der Superjet nach den Bombenanschlägen abzustürzen droht und sich im Cockpit, wie unter den Passagieren längst Panik ausgebreitet hat, wird Wong von seinem Freund Mr. Sinha aus dem Schlaf gerissen und um Hilfe gebeten.

„Jawohl“, sagt Wong. „Nach meinem Tee.“                                                       „Selbstverständlich“, meint Mr. Sinha verständig. „Wichtiges geht vor.“

Nury Vittachi: Der Fengshui-Detektiv im Auftrag ihrer Majestät. Aus dem Englischen von Ursula Ballin. Unionsverlag, 254 Seiten, 10,90 Euro.

(c) Frank Rumpel

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