Richard Stark: Keiner rennt für immer

knvmmdb-92.dllEr heißt Parker. Kein Vorname. Parker ist im Brotberuf Gangster, hat ein Haus in New Jersey, eine Lebensgefährtin. Meistens aber arbeitet er, beschafft also Geld und das macht er sehr effizient. Ein Profi eben, ohne Gemütsregung, für den Mord einfach zum Geschäft gehört, falls ein Coup oder seine eigene Sicherheit gefährdet ist. Ein Mann ohne Moral also.

Erfunden hat ihn der im vorigen Jahr verstorbene, amerikanische Schriftsteller Donald E. Westlake. Der schrieb in seinem 75-jährigen Leben über hundert Romane, etliche unter Pseudonym. Eines davon ist Richard Stark. Dessen erstes Buch erschien 1962, hieß „The Hunter“ und handelte von eben jenem Parker. Das Buch wurde später unter dem Titel „Point Blank“ mit Lee Marvin verfilmt. Bis 1974 erschienen zwanzig Titel von Richard Stark. Dann verschwand Parker in der Versenkung. Erst 1997 grub Westlake ihn wieder aus und veröffentlichte vier Stark-Romane. „Keiner rennt für immer“ erschien im Original 2004. „Hätte ich geahnt, dass Parker in mehr als zwanzig Bücher zurückkehrt“, sagte Westlake in einem Interview, „hätte ich ihm einen Vornamen gegeben.“

Parker, den eine Polizistin als „eiskalten Burschen“ beschreibt, „der Freundlichkeit, wie einen Mantel trägt“, will zusammen mit einem Partner namens Dalesia – „ein dünner Mann mit verkrampften Schultern“ – in Massachusetts einen Geldtransport überfallen. Den entscheidenden Tipp soll ihnen die Frau des Bankchefs geben, die sich an ihrem Mann rächen möchte. Gleichzeitig hat sie ein Verhältnis mit einem ehemaligen Wachmann der Bank, der ein neues Leben beginnen will. Parker missfällt, dass da Amateure und Gefühle im Spiel sind, doch sind die Profis nun mal auf die Informationen der Bankiersgattin angewiesen. Prompt kommt es bei den Vorbereitungen zu haarsträubenden Komplikationen, die auch die Polizei auf den Plan rufen. Als dann noch ein Kopfgeldjäger auftaucht, der einen Polizeispitzel sucht, für dessen Verschwinden Parker verantwortlich zeichnet, wird es für die ganze Unternehmung ziemlich eng.

So zielstrebig, wie seine Figur, legte Westlake auch seine Parker-Geschichten an. Hier gibt es keinerlei unnötigen Ballast, weder inhaltlich, noch sprachlich. Erzählt ist das Ganze sehr direkt, mit filmischen Schnitten aus zahlreichen Perspektiven und mit jeder Menge pointierten Dialogen.

„Grace, du lebst von einem Gangster!“, sagt da eine Freundin zu Dalesias Exfrau„Das ist er nicht“, antwortet die. „Erstens einmal ist er kein Gangster, sondern ein Räuber, und das ist etwas ganz anderes. Gangster verdienen an Prostitution, Glücksspiel und Drogen, und das würde Nick niemals tun. Auf seine Weise ist er fast so gesetzestreu und moralisch wie dein Harold.“                                                               Ist das der Grund, warum er sich ständig versteckt?“                                                       „Er versteckt sich nicht, er ist bloß sehr vorsichtig. Die Welt, in der er lebt, ist voller gefährlicher Menschen, deswegen ist es nur klug von ihm, vorsichtig zu sein.“

Nebenfiguren werden in diesem Roman nur nebenbei ausgemalt und geraten nicht selten zum Klischee. So geistern durch diese Geschichte gleich drei Blondinen, die allesamt auch schießen können. Das erinnert nicht von ungefähr an die Cover alter Pulp-Magazine und fügt sich bestens in den leichten, durchaus sympathischen Anachronismus, welcher der Geschichte anhaftetund ihr eine ironische Note gibt. Parker ist seit den Sechzigern keinen Tag älter geworden, wirkt dynamisch, wie eh und je. Das mobile Telefon scheint noch nicht erfunden. Als Parker in einem Restaurant einen Fahndungsaufruf mit seinem Bild sieht, beobachtet er allen Ernstes, ob jemand zum Münzfernsprecher geht.

Alles in allem serviert uns Westlake hier eine schnelle und unterhaltsame Ballade um einen spektakulären Raub und die Diskrepanz zwischen den Erwartungen der Profis und jener der Amateure. Während es für erstere ein normaler Job ist, verheißt das Geld den Amateuren nicht weniger als ein neues Leben. Das muss schief gehen und tut es auch. Aber das Schöne am gelungenen Gangsterroman ist ja, dass man als Leser wider Willen auf Seiten der Verbrecher ist, ihnen wünscht, der Coup möge gelingen und das, obwohl dieser Parker nichts Smartes, nichts Empathisches hat und von dem sein Schöpfer sagt, er würde ihn nur ungern in seinem Auto mitnehmen.

Richard Stark: Keiner rennt für immer. Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl. Zsolnay-Verlag, 287 Seiten, 16,90 Euro, Taschenbuch: dtv, 8,95 Euro.

(c) Frank Rumpel

SWR2

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