Roger Smith: Kap der Finsternis

knvmmdb-93.dllWer bereits einen Flug nach Süd-Afrika gebucht hat und noch angenehme Urlaubslektüre sucht, sollte besser die Finger von diesem Buch lassen. Denn Roger Smith erzählt in seinem Debütroman explizit, was die Kriminalstatistik der Polizei in bloßen Zahlen wiedergibt. Demnach wurden in Kapstadt im vergangenen Jahr pro Tag 5,5 Morde, zehn Vergewaltigungen und etliche Raubüberfälle registriert. Im Roman stellt Jack Burn, einer der Protagonisten, leicht panisch fest:

Er hatte dem Nachtwächter die 38er gegeben und der Mob hatte ihm die Mossberg“ – eine Schrotflinte – „entrissen. Er war allein und unbewaffnet, an einem der gefährlichsten Orte dieses Planeten.

Der Amerikaner Jack Burn ist Irakkriegs-Veteran, der beim Versuch, im normalen Leben Fuß zu fassen grandios scheiterte. Aus Geldnot ließ er sich für einen Bankraub anheuern. Seine drei Kollegen und zwei Polizisten starben. Er entkam mit ein paar Millionen Dollars und setzte sich mit seiner schwangeren Frau und seinem vierjährigen Sohn ins Ausland ab. Er entschied sich für das südafrikanische Kapstadt und kam damit vom Regen in die Traufe.

Als zwei unter Drogen stehende Gangster ins Haus der Familie eindringen, erwachen in Burn die alten, als Soldat antrainierten Reflexe. Er tötet beide – vor den Augen seiner Frau und seines Sohnes. Die Leichen entsorgt er in der Nähe eines Armenviertels. Was er nicht wissen konnte: Hinter den beiden Gangstern ist auch der Cop Rudi Barnard her, weil sie ihm noch Geld schulden. Er ermittelt und kommt Burn dabei gefährlich nahe.

Barnard ist ein weißer, durch und durch korrupter, bigotter, rassistischer und nach eigenen Gesetzen handelnder Cop, der für sein Leben gern Gatsbys, ein mit Steakfleisch, Käse, Fritten und Chilisauce gefülltes Baguette verschlingt.

Rudi Barnard liebte drei Dinge: Jesus Christus, Gatsbys und Leute umzulegen. Und hier draußen auf den Flats spürte er diese Liebe am intensivsten.“ Die Cape Flats sind ein Armenviertel in Kapstadt, „der Ort, wohin in den Zeiten der Apartheid jeder, der keine weiße Hautfarbe hatte, entsorgt worden war, weit weg von den reichen Vororten, die sich wie Edelsteine an den Tafelberg schmiegen. Die Flats waren ein trostloser, öder Landstrich, heimgesucht von Wind und Staub.

In „Mixed Blood“, wie der Roman des 49-jährigen Smith im Original heißt, treffen zwei Welten aufeinander: Das reiche und das arme Kapstadt – eine gewalttätige Begegnung. Der in Johannesburg geborene und in Kapstadt lebende Autor, der sein Geld als TV-Produzent verdient, erzählt seine komplexe Geschichte aus mehreren Perspektiven. Der Cop Barnard ist unter Druck, weil ihm die Antikorruptionsabteilung des Innenministeriums in Person des integren, schwarzen Inspektors Disaster Zondi auf den Fersen ist. Der Bankräuber Jack Burn will seine Taten ungeschehen machen und seine kriselnde Ehe retten. Aber es gibt in dieser Geschichte auch noch eine ganze Reihe weiterer Erzählstränge. Da ist etwa der schwarze Nachtwächter Benny Mongrel, der als hochrangiges und äußerst kaltblütiges Gangmitglied lange im Knast saß und nun ein neues Leben beginnen will. Sein Herz hängt an einem altersschwachen Hund. Als der Cop Barnard das Tier erschießt, wirft Benny Mongrel seine Vorsätze über Bord und schwört Rache.

Smith findet für jede seiner Figuren einen eigenen Ton und schildert deren Lebensumstände mit einem Blick, der vor nichts zurück schreckt. Sein Humor ist – an der Realität seiner Heimatstadt gestählt – rabenschwarz und bitter.

Dieser rasante Thriller erzählt von einem Ort, an dem sich die Gewaltspirale Tag um Tag dreht. Er erzählt aus dem Epizentrum eines maroden Systems. Doch Smith beschreibt die Gewalt nicht nur des grellen Effektes wegen. Er übt harsche Gesellschaftskritik, sind doch ein Gutteil der Probleme des heutigen Kapstadt Erbe der Apartheid. Die Schere zwischen Reich und Arm klafft weit auseinander. Korruption, massive Banden- und Drogenkriminalität tun das Ihre dazu. Verpackt hat er all das in einen harten und ungemütlichen, aber beeindruckenden Kriminalroman.

Roger Smith: Kap der Finsternis. Aus dem Amerikanischen von Jürgen Bürger und Peter Torberg. Tropen Verlag, 360 Seiten, 19,90. Heyne-Verlag, 8,95 Euro.

(c) Frank Rumpel

SWR2

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