Don Winslow: Pacific Private

knvmmdb-94.dllDie Surfergemeinde im kalifornischen Pacific Beach ist in hellem Aufruhr. Auf die Küste rollt eine Riesenwelle zu, wie sie nur alle paar Jahre kommt. Auch der leidenschaftliche Surfer Boone Daniels freut sich auf die Welle, besucht er doch „den Ozean, um zu genesen, sich zu reinigen und sich zu vergegenwärtigen, dass das Leben ein Wellenritt ist. Boone hält Wellen für erfahrbare Botschaften Gottes, durch die er uns wissen lässt, dass das Beste im Leben kostenlos ist“.

Doch umsonst ist nunmal kaum was zu haben, weshalb Boone Daniels gelegentlich als Privatdetektiv arbeitet. Ausgerechnet einen Tag vor dem Eintreffen der Monsterwelle bekommt er einen Auftrag. Für eine Anwältin aus San Diego soll er eine verschwundene Stripperin finden, die in einem Prozess gegen ihren ehemaligen Chef und Liebhaber wegen Versicherungsbetrugs aussagen will. Als deren Freundin ermordet aufgefunden wird, drängt die Zeit plötzlich nicht mehr nur, weil Boone am nächsten Tag auf seinem Surf-Brett stehen will. Der Fall verkompliziert sich allerdings zusehends, als Boone bei seinen Ermittlungen einem Menschenhändlerring auf die Spur kommt, der Mädchen aus Mexiko an Pädophile in Kalifornien verkauft.

Der in San Diego lebende Hobbysurfer Don Winslow ist hierzulande kein Unbekannter. In den Neunzigern hat der Piper-Verlag seine bis dahin erschienen Kriminalromane heraus gebracht. Jetzt nimmt der Suhrkamp-Verlag mit seiner neuen Krimireihe den nächsten Anlauf, Winslow auf dem hiesigen Markt zu etablieren. Im Oktober kommt bereits der nächste Band.

Nun spielt Surfen in „Pacific Private“ zwar eine zentrale Rolle, doch war Winslow schlau genug, die Kriminalgeschichte außerhalb der Szene anzusiedeln und das Surfer-Dorado von einer gar nicht netten und hippen und luftigen Seite zu zeigen, sozusagen die Welt ins Paradies zu holen. Heraus gekommen ist eine solide Kriminalgeschichte, die Winslow allerdings mit reichlich Tempo und Witz erzählt. Conny Lösch hat ganz offensichtlich den Schwung des Originals ins Deutsche gerettet.

Winslow hegt reichlich Sympathie für seine eigenwilligen Figuren. Im Mittelpunkt stehen Boones coole Surferfreunde, darunter der japanisch-stämmige Cop Johnny Banzani, der im Fall der ermordeten Stripperin ermittelt, High Tide, ein gewichtiger Samoaner, der in San Diego früher mit seiner Gang für Furore sorgte, Dave the Love God, ein Rettungsschwimmer und Womanizer, Hang Twelfe, ein Computerfreak mit zwölf Zehen und Boones Freundin Sunny, die von einer Karriere als professionelle Surferin träumt und mit der Riesenwelle ihre Chance kommen sieht.

Zusammen gehalten wird die Geschichte von Boone Daniels, der als Ex-Cop noch immer nicht über sein Ausscheiden aus dem Dienst hinweg ist. Damals hielt er einen Kollegen davon ab, einen verdächtigen Pädophilen zu foltern, um den möglichen Aufenthaltsort eines verschwundenen Mädchens zu erfahren. Mit dem aktuellen Fall bekommt er Gelegenheit, mit diesem Kapitel abzuschließen und relativiert darüber sogar seine Beziehung zum geliebten Surfsport.

Auch wenn das pubertär anmutende Surfergequatsche gelegentlich etwas nervt, schreibt Winslow pointiert und gibt sich ganz eins mit seiner Szene. Die Wellenmetaphorik wird von seinem Personal für alle Lebenslagen bemüht und immer wieder fällt dabei auch ein Brocken Surfer-Philosophie ab, etwa wenn Boone denkt: „Zeit ist Geld, wenn man Geld verdient. Wenn nicht, ist Zeit einfach nur Zeit.“ Genau.

Don Winslow: Pacific Private (The Dawn Patrol, 2008).  Aus dem Amerikanischen von Conny Lösch. Suhrkamp, 2009. 395 Seiten, 9,99 Euro.

(c) Frank Rumpel

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